Frühlingsmacht

by Hermann von Löper

"Wie kann so schnell sich die Gesinnung ändern?
Fragt ihr verwundert - gestern leugnetest
Du noch die Zaubermacht der Sympathie,
Verdammtest noch des Herzens zarte Triebe
Und schaltest auf die Liebe, die den Geist
Des ernsten Mannes nur in Fesseln schlage;
Und heut liegst du zu eines Mädchens Füßen
Und betest ihre schönen Augen an
Und hältst pathetische und lange Reden;
Der Text der Predigt aber ist - wenn anders
Wir recht gehört - daß göttlich sei die Liebe."
Doch also geb' ich Antwort eurer Frage:
"Geht auf das Feld hinaus und seht die Wunder,
Die dort ein einz'ger Frühlingstag vollbracht!
Denn gestern war noch Alles kahl und öde;
Heut aber keimt die Saat, den schwarzen Grund
Umzieht das grüne, leuchtende Gewand,
Im vollen Laube steht der Buchenhain,
Der Kirschbaum prangt im Schmuck der weißen Blüthen,
Und drüber singt die Lerche Jubellieder,
Und drunter spenden süßen Duft die Veilchen -
Das ist des Frühlings wundersel'ge Macht,
Und dies der Schlüssel jenes tiefen Räthsels:
In meiner Seele ist es Frühling worden." (S. 88-89)
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