Frühling
[130] Frühling. Nun blühen am Tiberio die Narzissen Und niederwallt ihr Athem mit der Luft, So heiß, wie einer brünst’gen Seel’ entrissen, Wie eines Brautgemach’s narkot’scher Duft –
Sieh die Capresin dort! Im dunklen Haare Nickt siegreich ihr der weiße Frühlingsstern: „Wenn diese wieder blüh’n im nächsten Jahre“, Sprach der Geliebte, „bin ich nicht mehr fern“ –
Und nahen fühlt sie ihn, in süßen Träumen, Korallen führt sein Schiff und Perlenfracht, Und von den Rudern sieht sie’s leuchtend schäumen, Wie Gold – da schreit sie auf, ach! und erwacht –
Und nahen seh’ auch ich, in schwankem Nachen, Das Glück, von einem fernen Wunderstrand, Und durch die Luft klingt sein melodisch Lachen, Und ausstreck’ sehnend ich nach ihm die Hand:
Nun blühen am Tiberio die Narzissen Und hoch im Frühlingsrausche geht die Fluth – So nimm mich hin – ich will mit fortgerissen Vom Taumel sein, verzehrt von deiner Gluth!