Eurydice

by Julius Grosse (1828–1902) · 1882 German

Manchmal sinket dein Bild zurück in die Fluten der Lethe,
Und die Wellen der Zeit führen mich selber hinweg.
Tiefer gähnt die verschlingende Kluft der geschiedenen Bahnen,
Kaum noch dämmert dein Bild, wie ein verwehender Traum.
Ach, es beschleicht mich die Furcht, als könnten die Strahlen verschwinden
In der Erinnerung Nacht, wie ein erlöschender Stern.
Selbst dein Name verklingt wie Götternamen der Vorzeit,
Und kein Echo der Brust hallt den geliebten zurück.
Aber ein einziger Tag - ein Wiedersehen nach Jahren
Ruft die Stürme zurück, wühlet die Tiefen empor.
Aber ein einziger Blick aus deinen Augen, wie wogt da
Neue Zaubergewalt himmlischer über mich her!
Gleichwie ein seltenes Edelgestein, das im Lichte gebleicht war,
Wieder an Feuer gewinnt, wenn es verschlossen im Schrein,
Also gewannst du an Zauber und Reiz im Strome der Lethe,
Und was Andre geheilt, hat mich nur tiefer versehrt.
Holder verklärt in der schauernden Nacht der lethäischen Wogen,
Steigt die Göttergestalt heiliger Liebe herauf,
Steiget herauf wie ein Schatten zuerst blutlos von dem Hades,
Doch an des Liebenden Blut trinkst du dich blühend und warm,
An dem Blute der Lieder, sie quellen aus Wunden der Seele,
Gleichwie es Orpheus geschah, als die Geliebte ihm starb.
Aber wie Orpheus singend erlöst die Beweinte vom Orcus,
Also trägt dich mein Lied rosig zum Lichte zurück. (S. 106)
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