Es kommt der Tag, ich seh' ihn ferne leuchten

by Julius Grosse (1828–1902) · 1882 German

Da du als Freundin trittst zu meinem Herd,
Da alles Leid, das uns die Zeit beschert,
In Thränen schmilzt, in wonnefeuchten.

Es kommt der Tag, es kommt die goldne Stunde,
Da du mein Weib umarmst mit Schwesterblick,
Da du dich neidlos freust an meinem Glück,
Die Kleinen hebst zu deinem Munde.

Als guten Genius sollen sie dich ehren,
Die meiner Jugend Sommersonne war.
Noch steht in meiner Seele dein Altar,
Noch rauscht's herauf aus jenen Meeren.

Dann wird erzählt dereinst an Winterfeuern
Gebeugten Nackens und das Haupt beschneit
Von jener Jugend Zauberherrlichkeit,
Und Enkel werden sie erneuern. (S. 105-106)
_____

More poems by Julius Grosse

  • Abschied

    Endlich Entscheidung - und ewig verloren,
    Ewig verstoßen - O still, ihr Klagen
    Traumentnüchterter Treugelübde! …
  • Aequinoctien

    Gleich den Tagen nun die Nächte.
    Stürme brausen thalhernieder,
    Stürme toben auch im Herzen, …
  • Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt

    Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt,
    Und alle Menschen schienen mir erhabener.
    Seit du mich aufgegeben, - wie vom Blitzesstrahl …
  • An der Kirchthür

    An der Kirchthür bin ich vorbeigegangen,
    In den Linden schlief der Wind.
    Ach, was mach' ich diesen lieben langen …

All poems by Julius Grosse →