Es kam die Fluth, als mir dein Bildniß

by Franz von Dingelstedt

Im Herzen aufgegangen war, Wie plötzlich in der Wasser Wildniß Der Mond sich spiegelt wunderbar. Hochwasser war, als die Gedanken An dich stets höher mich gefaßt, Bis ich in selig-trunk'nem Schwanken Erlag der ungewöhnten Last. Die Ebbe kommt, nun unerweichbar Das Schicksal mich von dannen treibt, Und ach! stets weniger erreichbar Der Mond, dein Bild, dahintenbleibt. Tiefwasser ist, wann dich erbleichend Mein Angesicht zum Letzten sieht, Daß alle Liebe, schmerzlich weichend, Hinab in's tiefste Herz mir flieht. Gehst du nun später am Gestade Frühmorgens den gewohnten Lauf, So lies auf deinem weichen Pfade, Was dir die Fluth zurück ließ, auf. Sind Muscheln nur und glatte Steine Und Perlen, die wie Thränen sehn: Auf allen muß Ein Bild, das deine, Ein Name, dein geliebter, stehn! Aus: Franz Dingelstedt's Sämmtliche Werke Erste Gesammt-Ausgabe in 12 Bänden Siebenter Band Zweite Abteilung (Lyrische Dichtungen Erster Band) Berlin Verlag von Gebrüder Paetel 1877 (S. 81-82) _____

More poems by Franz von Dingelstedt

All poems by Franz von Dingelstedt →