Epistel

by Alfred Grünewald (1884–1942) · 1990 German

Du brachtest dem der Freude schon Entwöhnten
dein freudig Wesen dar: ein Gastgeschenk,
und Macht ward dir gegeben als sein Dank.
Ein Jahr verging in schönem Sich-Verstehn.
Rückschauend darf ich uns Erprobte nennen.
Wie vieles doch geschah in deinem Zeichen!
Was mich bewegte, ward dir anvertraut,
fast ohne Wort, wie Welle rührt an Welle;
und sich verströmend war es dein und mein. -
Die Macht, der ich mich fügte, gab ich selbst
in deine Hand. Doch manchmal faßt mich Bangen.
Gedenk, was dir verliehn, und bleib, ein Gast,
mir zugetan mit offner Seele, gastlich;
weil du von lichtrer Art als ich. Ein Hort
war mir dein Lächeln. Und so bleib getreu,
daß nie dein Angesicht sich mir verdunkle.
Denn wer mit einem Blick zu trösten weiß,
vermag mit einem Blick auch zu verwunden. (S. 30-31)
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