An einen alten Lehrer
Da neulich sah ich wie in der Jugendzeit Dich weißen Hauptes, irgendwohin den Blick Gerichtet nach einer Vokabel, Welche ein Schüler verloren hatte.
Eh er sich fassen konnte, sie fassen schon, Und war auch er es nicht imstande, Nanntest du es eine Seelenroheit. Von strenger Milde war dieser Unterricht.
Doch näher deinem reinen Herzen Lag wohl das Wohl eines armen Wortes. Latein und Deutsch: du hast sie mir beigebracht. Doch dank ich Deutsch dir, weil ich Latein gelernt.
Lieben Ovidius lesen konnte! Denn jenes wahrlich machte mir Schwierigkeit. Mir fehlten Worte, und es gelang mir nicht, Den Frühling, den ich erst erlebte,
Ovid ja selber hätte es nicht vermocht, Und Goethe länger als eine Stund gebraucht – Wie sollte es ein Schulbub treffen, Wenn er nicht grade ein Journalist war?
Du übtest Nachsicht und weil ich in Latein Doch vorzüglich bestanden hatte, Gabst du in Deutsch mir nicht nichtgenügend. [36] So kam ich durch und besserte später mich,
Im deutschen Aufsatz nach der Schule Deinen Erwartungen zu entsprechen. Hätt’ ich schon damals gleich zwischen acht und neun So Deutsch geschrieben, wie zwischen zehn und elf
Diese horazische nicht entstanden. Nimm diese Fleißaufgabe als Jugendgruß. Denn du stehst milde heute wie einst vor mir. In Bild und Wort bist du mir nahe,
Ich sehe dich, wie du mit der feinen Hand Die Stirn dir streichst, die sorgende, als ob du Ein krankes Wort betreuen müßtest — Heilige Pflicht vor profanen Zeugen.
Den Sinn wie damals, traf ich dich auf dem Weg Zur Schule neulich und es war mir, Daß ich mit dir in die Schule ginge. Wohin verlor sich, sag mir, dein Altersblick,
Verlorner Gegenwart die Sprache? Folg mir und lasse die Klasse fallen!