Ein neues Trinklied

by Otto Ernst

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Ein neues Trinklied.

Ich hatt' ein Tönnlein Freud' im Haus, Da kamen Gesellen in Haufen. Ich kriegt' ein Oxhoft[1] Leid ins Haus, Das durft' ich selber saufen.

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Da hat sich hell mir aufgetan

die Zecherregel feine: Mit Freunden teil' ich meine Lust; Mein Leid trink ich alleine. Da sinkt mein Auge tief hinab

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In kühle Dämmerungen,

Und leise spricht der Sinn der Welt In wunderbaren Zungen. Und steigt das trunkenvolle Herz Aus Bechers Grund zum Lichte,

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Dann sind ihm Mensch und Fels und Hain

Umleuchtete Gesichte. So trank ich denn in mancher Nacht Von manchen herben Weinen Und stand nach jedem Bacchanal[2]

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Nur fester auf den Beinen.

Und wenn das stumme Fest gewährt Bis an die frühe Sonne, Dann war das dunkle Weh verweht Vor einer klaren Wonne.

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Auch hab' ich ja in weiter Welt

So viele Trinkgesellen. Ich hör' sie wohl und seh' sie wohl In ihren stillen Zellen. Durch's Dunkel fand ich ihren Blick,

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Wenn unterm Abendsterne

Ich leise sprach: Ich bring' es euch, Ihr Brüder in der Ferne. Nur ein – ein lieblicher Kumpan Sitzt lebend mir zur Seite

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Und heischt den schlimmst' und schwersten Wein

Und zecht mit mir im Streite. Von seinem Durst und seiner Treu Ach, Wunder wollt' ich künden – Doch singt ein rechter Ritter nichts

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Von seiner Dame Sünden.

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