Die Versuchung

by Rainer Maria Rilke

[27]
DIE VERSUCHUNG

Nein, es half nicht, daß er sich die scharfen Stacheln einhieb in das geile Fleisch; alle seine trächtigen Sinne warfen unter kreißendem Gekreisch

5
Frühgeburten: schiefe, hingeschielte

kriechende und fliegende Gesichte, Nichte, deren nur auf ihn erpichte Bosheit sich verband und mit ihm spielte. Und schon hatten seine Sinne Enkel;

10
denn das Pack war fruchtbar in der Nacht

und in immer bunterem Gesprenkel hingehudelt und verhundertfacht. Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht: seine Hände griffen lauter Henkel,

15
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel

warm und zu Umarmungen erwacht —. Und da schrie er nach dem Engel, schrie: Und der Engel kam in seinem Schein und war da: und jagte sie

20
wieder in den Heiligen hinein,

[28]
daß er mit Geteufel und Getier

in sich weiterringe wie seit Jahren und sich Gott, den lange noch nicht klaren, innen aus dem Jäsen destillier.

More poems by Rainer Maria Rilke

All poems by Rainer Maria Rilke →