Die Schlittenfahrt

by Johann Karl Wilhelm Geisheim

[265]  Die Schlittenfahrt. Am warmen Ofen saß ich In meines Polsters Ruh; Des Lebens Breite maß ich Und sah dem Tage zu;

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Da fiel in dichten Flocken

Der Schnee auf Flur und Haus, Und fernher lockten Glocken Mich in dem Pelz’ hinaus. Ein Schlitten kam geflogen,

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Jäh, wie ein Strauß im Lauf,

Und, magisch fortgezogen, Schwang ich mich flugs hinauf. Der Kutscher, mein Philister, Blitzt kühn in sein Gespann,

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Und nahm ein Ziel, als wüßt’ er,

Wo’s mir gefallen kann. Ich ließ ihn gerne walten; Nur vorwärts ging mein Sinn: So rauschten, schellten, knallten

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Wir durch die Straßen hin.

[266] Musik, die allerneuste, Rührt minder Herz und Ohr; Ganz im erhabnen Geiste Trug sie mein Mentor vor.

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Doch plötzlich macht’ ich Pause,

Halt! rief ich mächtig, Halt! Denn an des Liebchens Hause Hielt’s mich mit Allgewalt. Bald auch im Federhute

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Saß Laura neben mir;

Wie war mir da zu Muthe, Wie flog ich fort mit ihr! Mir war, als trügen Flügel Mich in ein schön’res Land;

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Ich sah nicht Roß, noch Zügel,

Und nicht die Kutscherhand. Mit stolzem Wohlgefallen Bog er den Markt herum, Denn dort recht derb zu knallen,

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Ist des Philisters Ruhm.

Wohl mochten manche Leute Als Spötter gaffen stehn; Doch trieb sie auf die Seite Ein barsches Vorgesehn!

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[267] Entzückt und harmlos glitten

Wir über Raum und Welt, Und endlich fand der Schlitten Die Bahn in’s freie Feld. Und in des Lichtes Fülle,

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Im strahlenden Krystall,

Glänzt in der Zauberhülle Vor uns das heitre All; Und über uns die Bläue, Der Himmelslüfte Fluth,

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Und neben mir die Treue,

In mir der Liebe Gluth. Den Staub der Erde decket Der reine, lichte Schnee; Den Raub der Flur verstecket

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Der weiße, weite See.

In diamantnem Flimmer Prangt dort ein Eichenwald, Und dort im Farbenschimmer Das Schloß in Fee’ngestalt.

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Die Berge gränzen ferne,

Und durch ihr dunkles Blau Verschmilzt die Au der Sterne Mit unsrer Erdenau. [268] Und aus der kalten Hülle

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Ruft Hoffnung dir in’s Ohr:

Es keimt im Schooß der Stille Der Frühling Dir empor. Schon blüht’ er mir im Traume, Schon fühlt’ ich ihn so nah

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In meines Schlittens Raume,

Denn Liebchen sagte: Ja! Mit fröhlichem Behagen Sah ich nun queerfeldein Die Flügelpferde jagen,

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Um baldigst dort zu sein.

So segelten ergötzlich Wir in der Zukunft Land, Als unser Schlitten plötzlich Verstummend stille stand.

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Im Schwunge der Gefühle

Fragt’ ich: was ist denn hier? – Wir sind, so rief’s, am Ziele: Hier ist das gute Bier!

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