Die Luft ist still, und die Nacht ist hell

by Julius Grosse (1828–1902) · 1882 German

Von blitzendem Mondenlichte.
Da steigen die alten Zeiten herauf
Und kosende Traumgesichte.
Wie vom Waldgebirg ein Wehen rauscht
In den Wipfeln hin und wieder,
So rauschen empor aus der Zeitenflut
Verklungene alte Lieder.

Es ragen Marmorgestalten still
An rauschenden Gartenbrunnen.
Sie denken zurück an das goldene Rom
Und an stürmende Gothen und Hunnen.
Sie beten zu Göttern, die längst entflohn,
Und haben doch keine Thränen -
Sie waren wohl selber Götter einst
Und kannten Lieben und Sehnen.

Mir tönt ein altes, ein theures Lied
Aus deutscher Liebessage,
Das mahnte Manchen an Treu' und Tod
Und verschwundene Jugendtage:
Ich hab' dich geliebet, ich lieb' dich noch heut,
Dich Eine in Lust und Wehen;
Dich werd' ich lieben in Ewigkeit,
Gäb's auch kein Wiedersehen! (S. 22-23)
_____


Aus: Junge Myrthen (1859)

More poems by Julius Grosse

  • Abschied

    Endlich Entscheidung - und ewig verloren,
    Ewig verstoßen - O still, ihr Klagen
    Traumentnüchterter Treugelübde! …
  • Aequinoctien

    Gleich den Tagen nun die Nächte.
    Stürme brausen thalhernieder,
    Stürme toben auch im Herzen, …
  • Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt

    Als ich dich liebte, liebt' ich auch die Gotteswelt,
    Und alle Menschen schienen mir erhabener.
    Seit du mich aufgegeben, - wie vom Blitzesstrahl …
  • An der Kirchthür

    An der Kirchthür bin ich vorbeigegangen,
    In den Linden schlief der Wind.
    Ach, was mach' ich diesen lieben langen …

All poems by Julius Grosse →