Die ersten Tage der Schöpfung

by Marie Sophie Christiane von Plessen

[15] Die ersten Tage der Schöpfung. Da in des Weltengeist’s Gehirne Der Plan der Schöpfung unvollendet lag, Da neigte er die göttlich schöne Stirne, Und nieder sank – der erste Tag.

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Und goldne Sonnen kamen angezogen

Und sprühten Licht und Segen um sich her, Und brausend wälzte seine dunkeln Wogen Das hohe, königliche Meer. [16] Sehnsüchtig schaut er in die Ferne,

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Und da erstand, was er im Traum gedacht;

Am Himmel schmückten Miriaden Sterne Mit bleichem Glanz – die erste Nacht. Und milde Lüfte wehten hin und wieder, Und leise rauscht der Wasserfall,

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Und schöner klang als aller Musen Lieder

Das Lied der ersten Nachtigall. Und aus der Nachtviole dunkelm Schooße Stieg süßer Duft zum Himmel auf, Und es begann – die erste Rose

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Den kurzen, schönen Lebenslauf.

Und Schmetterlinge gaukelten hernieder, Die Lerche stieg in blauer Luft empor, Und aller Haine Wipfel hallten wieder Von kleiner bunter Sänger Chor.

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[17] Und Friede senkte sich und sanfte Freude,

Auf alle Wesen segenvoll herab; Da kam der Mensch mit seinem wilden Leide, Da kam der Mensch, mit ihm das erste Grab.

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