Der Schauende
Ich sehe den Bäumen die Stürme an,
die aus laugewordenen Tagen
an meine ängstlichen Fenster schlagen,
und höre die Fernen Dinge sagen,
die ich nicht ohne Freund ertragen,
nicht ohne Schwester lieben kann.
Da geht der Sturm, ein Umgestalter,
geht durch den Wald und durch die Zeit,
und alles ist wie ohne Alter:
Die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,
ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.
Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, –
wir würden weit und namenlos.
Was wir besiegen ist das Kleine,
und der Erfolg selbst macht uns klein.
Das Ewige und Ungemeine
will nicht von uns gebogen sein.
Das ist der Engel, der den Ringern
des alten Testaments erschien;
wenn seiner Widersacher Sehnen
im Kampfe sich metallen dehnen,
fühlt er sie unter seinen Fingern
wie Saiten tiefer Melodien.
Wen dieser Engel überwand,
welcher so oft auf Kampf verzichtet,
der geht gerecht und aufgerichtet
und groß aus jener harten Hand,
die sich, wie formend, an ihn schmiegte.
Die Siege laden ihn nicht ein.
Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte
von immer Größerem zu sein.
Über dieses Gedicht
„Der Schauende“ stammt aus Rainer Maria Rilkes Buch der Bilder (1902, erweitert 1906) und ist eines seiner bekanntesten frühen Gedichte.
Das Ich sieht vom Fenster aus, wie der Sturm durch den Wald geht, und erkennt darin eine Größe, neben der die eigenen Kämpfe klein wirken. Die Schlussstrophen verweisen auf Jakobs Kampf mit dem Engel im Alten Testament: Wer von diesem Engel besiegt wird, wächst daran. Der berühmte Gedanke lautet: „Was wir besiegen ist das Kleine“ – wahre Größe liegt darin, sich vom Größeren besiegen zu lassen.