Der Reliquienschrein

by Rainer Maria Rilke

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DER RELIQUIENSCHREIN

Draußen wartete auf alle Ringe und auf jedes Kettenglied Schicksal, das nicht ohne sie geschieht. Drinnen waren sie nur Dinge, Dinge,

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die er schmiedete; denn vor dem Schmied

war sogar die Krone, die er bog, nur ein Ding, ein zitterndes und eines, das er finster wie im Zorn erzog zu dem Tragen eines reinen Steines.

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Seine Augen wurden immer kälter

von dem kalten täglichen Getränk; aber als der herrliche Behälter (goldgetrieben, köstlich, vielkarätig) fertig vor ihm stand, das Weihgeschenk,

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daß darin ein kleines Handgelenk

fürder wohne, weiß und wundertätig: blieb er ohne Ende auf den Knien, hingeworfen, weinend, nicht mehr wagend, seine Seele niederschlagend

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vor dem ruhigen Rubin,

der ihn zu gewahren schien und ihn, plötzlich um sein Dasein fragend, ansah wie aus Dynastien.

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