Der Reim
Der Reim ist nur der Sprache Gunst, nicht nebenher noch eine Kunst, [41] Geboren wird er, wo sein Platz, aus einem Satz mit einem Satz.
das in der Form spazieren ging. Er ist ein Inhalt, ist kein Kleid, das heute eng und morgen weit. Er ist nicht Ornament der Leere,
Nicht Würze ist er, sondern Nahrung, er ist nicht Reiz, er ist die Paarung. Er ist das Ufer, wo sie landen, sind zwei Gedanken einverstanden.
wie jede Sehnsucht, die ihn rief. Er ist so einfach oder schal wie der Empfindung Material. Er ist so neu und ist so alt
Orphischen Liedes Reim, ich wette, er steht auch in der Operette. Wenn Worte ihren Wert behalten, kann nie ein alter Reim veralten.
so fühlt es auch den Reim auf Schmerz. [42] Aus allgemeinrer Sachlichkeit glückt neu der Reim von Leid auf Zeit. Weist mich das Wort in weitere Fernen —
Der erdensichern Schmach Verbreitung bedingt dafür die Tageszeitung und leicht trifft einem irdnen Tropf der Reim den Nagel auf den Kopf.
ein Wunder und ein Gnadenort. Der Reim, oft nur der Verse Leim, ist der Gedanken Honigseim. Hier bietet die Natur den Schatz,
Ein Wort, das nie am Ursprung lügt, zugleich auch den Geschmack betrügt. Dort ist’s ein eingemischter Klang, hier eingeboren in den Drang.
ein Schöpfer ruft es aus dem All. Dort deckt der Reim die innre Lücke und dient als eine Versfußkrücke. Hier nimmt er teil am ganzen Muß,
[43] Gebundnes tiefer noch zu binden. Was sich nicht suchen läßt, nur finden, was in des Wortglücks Augenblick, nicht aus Geschick, nur durch Geschick
aus Mutterschaft der Sprache springt: das ist der Reim. Nicht, was euch singt!