Der Hirtenknabe

by Heinrich Heine

     König ist der Hirtenknabe, Grüner Hügel ist sein Thron; Ueber seinem Haupt die Sonne Ist die große, goldne Kron’.

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     Ihm zu Füßen liegen Schafe,

Weiche Schmeichler, rothbekreuzt; Kavaliere sind die Kälber, Und sie wandeln stolzgespreizt.      Hofschauspieler sind die Böcklein,

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Und die Vögel und die Küh’,

Mit den Flöten, mit den Glöcklein, Sind sie Kammermusizi.      Und das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen drein

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Wasserfall und Tannenbäume,

Und der König schlummert ein.      [301] Unterdessen muß regieren Der Minister, jener Hund, Dessen knurriges Gebelle

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Wiederhallet in der Rund’.

     Schläfrig lallt der junge König: „Das Regieren ist so schwer, Ach, ich wollt’, daß ich zu Hause Schon bei meiner Kön’gin wär’!

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     „In den Armen meiner Kön’gin

Ruht mein Königshaupt so weich, Und in ihren lieben Augen Liegt mein unermeßlich Reich!“

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