Der Gesang der Okeaniden
Abendlich blasser wird es am Meere, Und einsam, mit seiner einsamen Seele, Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand, Und schaut, todtkalten Blickes, hinauf
Und schaut auf das weite, wogende Meer, Und über das weite, wogende Meer, Wie Lüftesegler, ziehn seine Seufzer, Und kehren wieder, trübselig,
Worin sie ankern wollten – Und er stöhnt so laut, daß die weißen Möven, Aufgescheucht aus den sandigen Nestern, Ihn heerdenweis’ umflattern,
[355] Schwarzbeinigte Vögel, Mit weißen Flügeln Meer-überflatternde, Mit krummen Schnäbeln Seewasser-saufende, Und thranigtes Robbenfleisch-fressende,
Ich aber, der Glückliche, koste nur Süßes! Ich koste den süßen Duft der Rose, Der Mondschein-gefütterten Nachtigallbraut; Ich koste noch süßere Josty-Baisers,
Und das Allersüßeste kost’ ich: Süße Liebe und süßes Geliebtseyn. Sie liebt mich! Sie liebt mich! die holde Jungfrau! Jetzt steht sie daheim, am Erker des Hauses,
Und horcht, und sehnt sich nach mir – wahrhaftig! Vergebens späht sie umher und sie seufzet, Und seufzend steigt sie hinab in den Garten, Und wandelt in Duft und Mondschein,
Wie ich, der Geliebte, so lieblich bin Und so liebenswürdig – wahrhaftig! Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum, Umgaukelt sie selig mein theures Bild,
[356] Auf dem glänzenden Butterbrodte, Sieht sie mein lächelndes Antlitz, Und sie frißt es auf vor Liebe – wahrhaftig! Also prahlt er und prahlt er,
Wie kaltes, ironisches Kichern; Die Dämm’rungsnebel steigen herauf; Aus violettem Gewölk, unheimlich, Schaut hervor der grasgelbe Mond;
Und tief aus hochauf rauschendem Meer, Wehmüthig wie flüsternder Windzug, Tönt der Gesang der Okeaniden, Der schönen, mitleidigen Wasserfrau’n,
Der silberfüßigen Peleus-Gattin, Und sie seufzen und singen: O Thor, du Thor! du prahlender Thor! Du kummergequälter!
Die tändelnden Kinder des Herzens, Und ach! dein Herz, dein Niobe-Herz Versteinert vor Gram! [357] In deinem Haupte wird’s Nacht,
Und du prahlst vor Schmerzen! O Thor, du Thor! du prahlender Thor! Halsstarrig bist du wie dein Ahnherr, Der hohe Titane, der himmlisches Feuer
Und Geier-gequälet, Felsen-gefesselt, Olympauftrotzte und trotzte und stöhnte, Daß wir es hörten im tiefen Meer, Und zu ihm kamen mit Trostgesang.
Du aber bist ohnmächtiger noch, Und es wäre vernünftig, du ehrtest die Götter, Und trügest geduldig die Last des Elends, Und trügest geduldig so lange, so lange,
Und die schwere Welt von den Schultern abwirft In die ewige Nacht. So scholl der Gesang der Okeaniden, Der schönen, mitleidigen Wasserfrau’n,
Hinter die Wolken zog sich der Mond, Es gähnte die Nacht, Und ich saß noch lange im Dunkeln und weinte.