Das Lied des Blinden

by Rainer Maria Rilke

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Das Lied des Blinden

Ich bin blind, ihr draußen, das ist ein Fluch, ein Widerwillen, ein Widerspruch, etwas täglich Schweres. Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau,

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meine graue Hand auf ihr graues Grau

und sie führt mich durch lauter Leeres. Ihr rührt euch und rückt und bildet euch ein anders zu klingen als Stein auf Stein, aber ihr irrt euch: ich allein

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lebe und leide und lärme.

In mir ist ein endloses Schrein und ich weiß nicht, schreit mir mein Herz oder meine Gedärme. Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht

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nicht ganz in dieser Betonung.

Euch kommt jeden Morgen das neue Licht warm in die offene Wohnung. Und ihr habt ein Gefühl von Gesicht zu Gesicht und das verleitet zur Schonung.

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