Capriccio

by Eleonore Kalkowska (1883–1937) · 1890 German

Ich halte dein Glück wie ein zerbrechlich Glas
In meinen spitzen Fingern,
Ich halte es lächelnd gegen das Licht,
O, feines Glas, daß es nicht bricht,
Man darf mit solchen Dingern
Zu oftmals spielen nicht.

Es hat die feierliche Form
Der griechischen Amphoren,
Der Seifenblase spielenden Glanz
Zur Farbe hats erkoren.
O, feines Glas, daß es nicht bricht,
Ich halts mit spitzen Fingern,
Man darf mit solchen Dingern
Zu oftmals spielen nicht.

Ich laß es leise wippen,
An meine bleiche Hand geschmiegt,
Tiefschauernd hin und her sichs wiegt,
Da führ ichs an die Lippen.
Wie tönt da mein Glas so voll und so rein,
Ich aber lächle, ich lächle hinein.
O, feines Glas, daß es nicht bricht,
Ich halts mit spitzen Fingern,
Man darf mit solchen Dingern
Zu oftmals spielen nicht. (S. 90)
_____

More poems by Eleonore Kalkowska

  • Begegnung

    Wir gingen aneinander vorbei,
    In halbdunklen Korridoren,
    Im Saale tönt helle Tanzmusik, …
  • Blumen

    Aus vielen Blumen steigt ein weher Ton
    Zu mir empor, sobald man sie geschnitten;
    Denn über manchen liegt ein Welken schon, …
  • Die letzten Rosen

    Ich stand am Fenster, lauschend allen Schritten,
    Die mir von ferne deinen gleichend däuchten,
    Im Garten sah ich hell zwei Rosen leuchten …
  • Die Liebende spricht:

    Aus: Frauengestalten
    Neun Sonette
    O mein Geliebter, wie ein edles Wild, …

All poems by Eleonore Kalkowska →