Aus einer Nacht

by Otto Ernst

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Aus einer Nacht.

Und wieder müd', zerschlagen Kam er am Abend heim, Und wieder schwoll im Herzen Ein alter, böser Keim:

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Der Keim des Wahnsinns, den er

In stummer Seele trug – Ob Wahnsinn noch mit Lachen Einst seine Welt zerschlug? Denn der Gemeinen Frechheit

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War stärker als sein Mut,

Und kälter war die Roheit Als – ach, sein heißes Blut. Und schlauer war die Dummheit Als sein beschwingter Geist,

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Und stets an allem Ende

Stand er allein – verwaist. Er fiel aufs harte Lager, Und war ihm recht zu Sinn, Als flöss' aus tiefer Wunde

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Sein Leben ganz dahin.

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„Laß rinnen und verrinnen!

Ich stille nicht das Blut. Kein Hoffen, kein Verzweifeln: So ist mir's wohl und gut.“

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Doch wieder aus dem Dunkel

Brach Hoffnung licht hervor – Doch wieder aus der Tiefe Verzweiflung fuhr empor – Er krampfte wild die Hände:

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Es möchte stille sein!

Und weckte selbst sich immer Zu neuer, neuer Pein. Sein Knäblein schlief daneben, Das hat sich laut geregt

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Und hat im Traum das Händchen

Ihm auf die Stirn gelegt. Das war ein Gruß vom Leben! Was klang so sanft und hell? Natur wollt' ihn erquicken

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Aus einem jungen Quell.

Auf seine Augen drückt' er Das Händchen leis und weich, Da quollen schwere Tränen Und quollen warm und reich.

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Und sah die feinen Finger

Mit mild bewegtem Sinn – Und sprach auf dieses Händchen Sein Leid still vor sich hin. Und als das Licht der Kerze

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Verschmachtet ging zur Ruh,

Sah er dem letzten Scheine Mit stiller Hoffnung zu.

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