Aus dem dreißigjährigen Kriege

by Rainer Maria Rilke

[51] AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE Kohlenskizzen in Callots Manier 1. KRIEG Finster ist die Welt geworden, – darum Dörfer rasch entloht! und die Welt ist grau; – drum rot färbt sie durch das Morden!

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[52] Bauer! Bittest um dein Leben?

Nimm dirs! Aber bei uns bleib! Herrgott hat dir Ochs und Weib nur für uns gegeben. Laß den Teufel Felder pflügen;

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sieh, wir haben stets genung!

Vorwärts – einen Werbetrunk aus den vollen Krügen! 2. ALEA JACTA EST »... Tod oder Sold!« Und jetzt die Trommel schnell

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her. Auf das Trommelfell

Würfel gerollt. So wird dem Lohn, der unsre Streiche sucht. Sieh, der Baum, reiche Frucht

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trägt er doch schon!

Solltest schon längst hängen dran, Kamerad! Drum ists nicht jammerschad, wenn du dann hängst! [53] 3. KRIEGSKNECHTS-SANG

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Lag auf einer Trommel nackt,

kaum zwei Spannen lang, und der rauhe Trommeltakt war mein Wiegensang. Wild zu wettern taugte ich

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damals schon im Zorn,

meine Milch, die saugte ich aus dem Pulverhorn. Damals taufte jeden gut der Korp’ral; beim Schopf

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nahm er ihn, goß Schwedenblut

heiß ihm übern Kopf. 4. KRIEGSKNECHTS-RANG Bei uns gibts nicht Edelinge, die was gelten durch ihr Blut, jedes Rang ist jedes Klinge,

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und sein Wappen ist der Mut.

Wer nur immer kühn sein Schwert zog, hält den Schild von Schande rein, wer noch gestern unterm Heer zog, Herzog kann er morgen sein. [54] 5. BEIM KLOSTER

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Was gibts? — Eine Klosterpforte? —

Ei, Potz Blitz! Eine Tür von dieser Sorte renn ich ohne viele Worte ein mit meiner Nasenspitz!

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Auf das Tor ein fester Stempel ...

Pfaffe, komm! Jetzt heraus mit deinem Krempel, paar Monstranzen zum Exempel und paar Kelche: wir sind fromm.

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Laß jetzt dein: Peccavi, pater ...

Leucht zum Wein uns mit deiner Nase, Frater, dorten kannst du uns ein Rater und ein ›Seelensorger‹ sein! 6. BALLADE

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Gestern zogen wilde Horden

durch das Dörfchen hin mit Morden, und ein Mädchen sinnt jetzt still: Ist der Liebste untreu worden, weil er heut nicht kommen will? –

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Draußen schrien die Dohlen.

[55] Mädchen ging mit bleicher Wange durch das Haus. – Sie harrte lange, und des Nachts floh sie der Schlaf. Und sie schlich hinaus zum Hange,

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wo sie stets den Teuren traf.

Ängstlich schrien die Dohlen. Und die Nacht war schwarz, die schwüle, fern nur brannte eine Mühle ... Weinend wählt die matte Maid

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sich gar weiches Kraut zum Pfühle

und entschlief in lauter Leid. Schrieen noch die Dohlen? Spät erwacht sie. Nebel grauten rings – soweit die Augen schauten ...

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Weh! – Was sie ein Kraut geglaubt,

ist das Haar an ihres Trauten blutigem, zerschelltem Haupt. – Schrecklich schrien die Dohlen. 7. DER FENSTERSTURZ »Naht Verrat mit leisem Schritte,

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ungerächt, bei der Madonna,

bleibt er nicht! Nach alter Sitte zu den Fenstern!« schrie Colonna. [56]  »Schont den Popel! doch die andern, jeder eine feige Natter,

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aus den Fenstern laßt sie wandern!

Mitleid? –Werft ihn mit, den Platter!« Bange hangt am Fensterstocke Martinitz noch. – Da Geröchel: Turn schwingt seine Degenglocke

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und zerschmettert ihm die Knöchel.

Und zum nächsten: »Sag, wie heißt er, Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!« »Graf von Turn! « – »Der Bürgermeister lasse alle Glocken läuten!« – 8. GOLD

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»Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.

Wo hast das Gold du her?« – »Da schaust du, Kind, das ist mein Sold, kein Obrist hat wohl mehr!« »Nein, das ist gutes, rotes Gold,

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das kann dein Sold nicht sein! « –

»Beim Spielen war das Glück mir hold, und da ward alles mein! « »Ist wirklich alles dein – das Gold, gesteh, – und ists kein Trug?« –

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[57]  »Nun, Würfel haben mir gerollt,

und jetzt laß es genug!« »Und gibst du mir auch von dem Gold?« »Das weißt du!« – »Nein, du Schelm, just auf der Stelle, sieh, ich wollt,

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du füllst mir deinen Helm!«

»Es sei! « – »Wie’s durch die Finger bebt, der Glanz gefällt mir gut! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

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...Schau, was dir da am Finger klebt,

kam das vom Golde? – Blut!« – ... – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 9. SZENE Du kniest am Markstein, Alter, sprich! – Das ist kein Heilgenbild!«

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»Kein Bild? – Ich bet. – Es faßte mich

das Schicksal gar so wild.« »Hast du kein Haus, hast du kein Land, das deiner Hände braucht?« »Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,

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sieh hin – gewiß – es raucht.«

[58]  »Was bauts nicht wieder auf dein Sohn und hilft dir aus der Not?« »Mein Sohn zog in den Krieg davon, jetzt ist er sicher tot.« –

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»Was streicht dir deines Haares Schnee

der Tochter Hand nicht weich?« – »Der bracht ein Troßbub Schand und Weh, da sprang sie in den Teich.« – »So sieh mir ins Gesicht! – Und brach

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das Herz dir auch vor Graus ...«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – »Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach mir beide Augen aus.« 10. FEUERLILIE Winters, als die Äste krachten,

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keine Bäche konnten frieren,

weil die Fluten Blutes ihren Pulsschlag immer neu entfachten. Als die Zeit kam, da die Blume aufwacht und der Vogel flötet,

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sprang die Lilie selbst gerötet

aus der todgedüngten Krume. [59] 11. BEIM FRIEDLAND Heimgekehrt von Schlacht und Schlag freut sich Obrist und Gemeiner; denn jetzt hält der Wallensteiner

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wieder seinen Hof zu Prag.

Just ließ frei den Turn er ziehn; das war so von seinen Trümpfen einer. – Drauf ward Nasenrümpfen Mode ... dort bei Hof zu Wien.

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Laßt sie zetern. Friedlands Heer

muß nicht darben und nicht dürsten, – und aus Knechten macht er Fürsten, unser Herzog. – Wer kann mehr? 12. FRIEDEN Prag gebar die Mißgestalt

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dieses Krieges, der voll Tücke

hauste. – Auf der Karlsbrücke starb er, dreißig Jahre alt. Endlich riß das Eisenstück nur dem Acker eine Schramme,

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und vom Kirchturm schlug die Flamme

in den trauten Herd zurück.

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