Als Brief

by Gottfried Kinkel (1815–1882) · 1857 German

Ihr flücht'gen Zeilen, hin zu ihr!
Doch was habt ihr zu sagen?
Nah ist die Stunde noch, da wir
Uns in den Armen lagen.
Wir sprachen's aus mit manchem Kuß,
Mit Herz an Herzen Drücken,
Wie wir im Liebesüberfluß
Einander hoch beglücken.

O zaubersüßer Liebestod,
O heil'ge Macht der Minne!
Sie kennt nicht Weigern noch Verbot,
Ist wie ein Kind an Sinne,
Das stets zu geben ist bereit,
Was Mutter ihm geschenket,
Das ohne Harm und ohne Neid
Nur mitzutheilen denket.

Wie du an dieser Brust geruht,
In diesen Arm gesunken,
Das klopft mir noch durch's junge Blut
Und hält mich selig trunken!
O fort dieß Blatt, ich mag es nicht,
Daß es mein Glück mir spiegelt!
Wie möcht' auch künden ein Gedicht,
Was heiß der Kuß versiegelt?

Aus: Gedichte von Gottfried Kinkel
Sechste Auflage Stuttgart und Augsburg
J. G. Cotta'scher Verlag 1857
(S. 210-211)

_____

More poems by Gottfried Kinkel

  • Abends

    In stiller Dämmerstunde,
    O Liebste, denk' ich dein;
    Es perlt im Herzensgrunde …
  • Als mein Lieb Todesgedanken hatte

    Es kommt aus West am Maientag
    Schmelzend ein Hauch gezogen;
    Von frischem Laub ist grün der Hag, …
  • An meine Minna

    Uns zur Seiten alle Stunden
    Gehn geliebte Todte mit,
    Und Geschlechter, die geschwunden, …
  • Ein Tagebuchblatt

    1840
    Süß ist die mitternächtige Stunde,
    Die weit die Herzen offen schließt, …

All poems by Gottfried Kinkel →