Abendsonnenschein

by Marie Eugenie Delle Grazie

[63]  Abendsonnenschein. Abendsonnenschein! Er fluthet Durch ein marmorn Prunkgemach, Wo er hinirrt, flammt und gluthet Seide, Gold und Purpur nach.

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Schimmernde Pilaster treten

Aus den Wänden stolz hervor, Reizvoll prangt in den Lünetten Pinturicchio’s Farbenflor: Cherubhäupter lauschen nieder,

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Wo die Makellose fleht –

Heil’ge Unschuld, vom Gefieder Überird’scher Macht umweht! Märtyrer in Todesqualen, Fromme Klausner, weltentrückt,

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Augen, die im Brechen strahlen

Triumphirend und verzückt – Niederrauscht ein ganzer Himmel Flammend hier und golddurchwebt, Eine Glorie, ein Gewimmel,

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Das im Licht sich regt und lebt ....

Hörst du nicht die Engel flüstern? Tritt ein Cherub dort herfür? Da – ein leiser Ruf – ein Knistern – Weitauf springt die gold’ne Thür

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Des Gemach’s und auf der Schwelle

Steht ein jugend-schönes Weib, Von des abends Purpurhelle Übergossen Haupt und Leib. [64] Rosig schimmern ihre Wangen,

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Rosig blüht der Arme Pracht –

Höll’ und Himmel siehst du prangen In des Auges sammt’ner Nacht. Kosig unter leichter Hülle Wogt und ebbt des Busens Schnee

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Und der Locken gold’ne Fülle

Küßt die prächtige Kamee, Die auf ihrer Schulter flimmert – Spähend huscht sie nun herein, Lauscht und winkt – ihr Auge schimmert

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Und die Lippe haucht: „Allein!

Komm, hier wird uns Niemand stören, Hier berathen wir’s in Ruh – Nur die lieben Heil’gen hören Mit erstaunte Augen zu -

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Hahaha!“

     Und silberhelle Tanzt ihr Kichern durch’s Gemach – Lautlos, mit des Panthers Schnelle Gleitet ihr ein Ritter nach.

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Doch kein Fremdling: ihre Züge

Weist sein Antlitz streng und treu – Gleichen Adels stolze Lüge, Gleicher Schönheit Heuchelei .... „Cesare –“ und zum Geflüster

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Dämpft des Weibes Stimme sich,

Ihre Marmorstirn wird düster Und ihr Lächeln fürchterlich – „Nicht die schlimmste deiner Thaten Wird es sein, wenn meine Qual

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Mit ihm stirbt –“

[65]           „Ich kann’s errathen,“ Grinst der Bruder – „dein Gemahl! Uns zu Trotz kehrt er auf’s Neue Jetzt nach Rom – gewagter Spott!

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Oder sucht er deine Treue,

Oder - uns’res Vaters Gott?“ „Einerlei, du mußt ihn fassen, Denn er ist uns feind!“           „Gewiß!

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Einig sind wir, wenn wir hassen –

Borgia’s Wappenspruch sei dies! Schielst wohl nach dem reichen Este, Schwesterchen? Ein schmucker Herr! Neulich merkt’ ich’s schon, beim Feste –

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Nun – Alfsonso heißt auch der!

Und du blühst noch wie die Rose, Üppig, hold, ein wonnig Weib – Laß dich küssen, Schöne, Lose – O – wie schmiegsam dieser Leib!

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Hängen möcht’ ich dir am Munde

So wie einst, wie damals .... ha, Denkst auch du noch jener Stunde, Jener Nacht, Lucrezia?“ „Schweig', du fehltest an dem Kinde,

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Lüstling, an dem eig’nen Blut!“

„Pah – was frag’ ich nach der Sünde? War es süß, so war’s auch gut! Nur wer solcher Lust genossen, Führt gleich reu’los Dolch und Schwert –

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Haß und Lieb’ sind Höllensprossen:

Erst der Frevel macht sie werth!“ [66] „Aber wie wirst du’s vollbringen?“ Flüstert sie;           „Pah – wie sich’s trifft!

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Will’s dem Schwerte nicht gelingen –

Unfehlbar wirkt Borgia’s Gift! Ich credenze es dem Zecher Schmunzelnd im Falerner-Wein, Schütt’ es in die Taumelbecher

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Ahnungsloser Lust hinein,

Laß es mit dem Weihrauch steigen, Träufle es in’s Andachtsbuch Meiner Feinde – und sie schweigen Fromm dann unter’m Leichentuch!

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Heut’ noch wirst du seiner ledig,

Zaub’rin – doch was ist der Preis? Wie – du sinnst noch? sei mir gnädig!“ Raunt der Elende und heiß Strömt, von sünd’ger Lust entglommen

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Nach den Schläfen ihm das Blut –

Da – ein Schrei –           „Hinweg! Sie kommen!“ Und fort stürzt die Lasterbrut .... Fromme Litaneien schallen

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Salbungsvoll den Flieh’nden nach,

Duft’ge Weihrauchwolken wallen Hinter ihnen durch’s Gemach; Und wie auf den Fluthen gaukelnd Sich die Gondel hebt und wiegt,

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Naht ein Thron, der leise schaukelnd

Sich an Priesterschultern schmiegt; [67] Sieh’ – ihn selbst bringt man getragen, Ihn, den Herrn an Gottes Statt — Seines Kleides Falten schlagen

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Um den Thron ein Purpurrad;

Aus der funkelnden Tiare Bricht es wie ein Feuerschein, Lockig fallen ihm die Haare In die mächt’ge Stirn hinein;

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Ries’ge Pfauenwedel fächeln

Kühlung ihm und Weihrauch zu, Und ein sattes Götterlächeln Kräuselt seiner Züge Ruh’. Pinturicchio’s Heil’ge stieren

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Ihm mit finst’ren Blicken nach

Und die Sonnenstäubchen schwirren Hinter ihm aus dem Gemach. – Stille wird es rings .... schon dunkelt’s, Fern’ verhallt der letzte Tritt,

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Aber an der Decke funkelt’s

Blutig: „Borgia – fundavit“ ....

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