28.

by Albert Möser (1835–1900) · 1890 German

28.
Wer hätt's vermocht, die Mächte zu bezwingen,
Die mitleidlos ins Alltagsjoch uns schmieden!
Des Herzens Regung ist verpönt hienieden,
Sein Recht zu wahren wird ihm nie gelingen.

Wie stark und fest auch Seelen sich verschlingen,
Das Schicksal spricht gebietend: Seid geschieden!
Kein Sträuben gilt, ob Glück entweicht und Frieden,
Ob gramzernagt zwei Herzen drob zerspringen.

Ich wußt' es längst, doch konnt' ich's nimmer fassen,
Warum? warum? frag' ich in bittrem Harme,
So oft sich naht der Trennung grauser Tag:

Und gleich dem Kind, muß es sein Spielzeug lassen
Streck' ich zur Ferne sehnsuchtsvoll die Arme
Und weine bang dem Heißgeliebten nach.

Aus: Gedichte von Albert Moeser
Erste Sammlung
Dritte sehr veränderte und vermehrte Auflage
Hamburg Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft
1890 (S. 20)

_____

More poems by Albert Möser

  • Gewalt'ges Leid ist's: unter der Menschenschar

    Gewalt'ges Leid ist's: unter der Menschenschar
    Verlassen wandeln, nimmer ein goldnes Bild
    Erschaun, das im Vollendungsglanze …
  • 10.

    10.
    Ich sah dich stehn an steilem Bergeshange,
    Der Wald verstreute weiße Blüthenflocken, …
  • 11.

    11.
    Vor deinen Zauberblicken müssen weichen
    Im Kreis der Fraun die strahlenden Gesichter, …
  • 12.

    12.
    Sei nicht so schön! - Mich lockt's mit Macht, zu schauen
    Des Leibes Maß, den Schmelz des Angesichts, …

All poems by Albert Möser →