2.

by Albert Möser (1835–1900) · 1890 German

2.
Das Herz
O Menschenherz, du bist der Schöpfung Krone!
Was ist wie du so tief und unergründlich?
Dich faßt kein Sinn - Lust, Leid, sie wechseln stündlich,
Gleich Wettern in des Aethers luft'ger Zone.

Bald bebst du bang, bald - einer Welt zum Hohne -
Der Schönheit Sklav, erglühst du leicht entzündlich,
Jetzt grollst du tief, doch rasch dünkt Groll dich stündlich,
Schon liebst du neu, ob sich's auch nie dir lohne.

Und Wonnen, drin entzückt die Seele badet,
Und Leiden, die des Busens Mark verzehren,
Nur du, o Herz, nur du kannst sie bescheeren;

Wen du durchglühst, er dünkt mich gottbegnadet;
Wer dein enträth, ob Wissensqualm ihn fülle,
Er bleibt ein Nichts in eines Menschen Hülle.

Aus: Gedichte von Albert Moeser
Erste Sammlung
Dritte sehr veränderte und vermehrte Auflage
Hamburg Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft
1890 (S. 4)

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