Xxiii.

German

XXIII.
Ja, das ist der alte Kirchhof,
Der in blauer Flut sich spiegelt,
Und in seiner dunkeln Erde
Liegt mein Heiligstes versiegelt;
Hier das Beet voll roter Rosen,
Dicht und üppig aufgesprossen:
Drunter liegt die weiße Lilie,
Eng im Blumenschrein verschlossen.

Durch die Rosen, durch die Erde,
Durch die Bretter dringt mein Sehnen;
Dort, wie eben erst gestorben,
Will mein Herz sie schlummernd wähnen.
Schläfst du, schläfst du noch, mein Liebchen?
Zuckt kein Strahl durch deine Leiche,
Weil auf deinem stillen Grabe
Nun dein Buhle irrt, der bleiche?

Fährt kein Stern in deine Augen?
Hebt dein Herz nicht an zu schlagen?
Quellen nicht von deinen Lippen
Frische, süße Liebesklagen?
Zieht kein roter Morgenschimmer
Über deine weißen Wangen,
Weil daran die Lebensgluten
Meiner heißen Blicke hangen?

Eitler Traum! um eine Leiche,
Um den Tod hab ich geworben;
Nun, so sei auch meine Liebe
Fürhin tot und abgestorben!
Zitternd reiß' ich aus dem Busen
Noch die letzten zarten Blüten,
Gebe sie dem toten Liebchen
Bis zum Jüngsten Tag zu hüten.

Schwarzer Gärtner, Totengräber,
Lass', o lass' das Grab verwildern!
Seine wermutbittern Schauer
Soll kein Lenz mehr freundlich mildern.
Binde nicht mehr diese Zweige,
Pflege nicht mehr diese Rosen,
Und mit dem verdorrten Kranze
Mag der kalte Nordwind kosen. (S. 94-96)

HTML Title: 

XXIII.

Year Written: 
1806
Year Rounded: 
1 800
Poem StrLen Difference: 
0

More from Poet

VI.
Wohl ist die Lilie wunderbar,
Wenn stolz sie sich im Garten wiegt,
In ihrem Kelche, sonnenklar,
Langsam der Morgentau versiegt;
Doch mag ich gehn und wandern,
So weit nur Lilien stehn,
Ist keine vor der andern
Mit höherm Schmuck versehn.

...

V.
Viele Wochen sind entflohn,
Seit ich Dich gesehen;
Hab' auch lange Tage schon
Keine Blum' gesehen!

Keine Blumen und kein Lieb -
Ach was soll das werden?
Was soll aus dem Frühlingstrieb
In mir innen werden?

Zwar noch stets der Lenz...

IV.
Nun in dieser Frühlingszeit
Ist mein Herz ein klarer See,
Drin versank das schwere Leid,
Draus verdampft das leichtre Weh.

Spiegelnd mein Gemüte ruht,
Von der Sonne überhaucht,
Und mit Lieb' umgießt die Flut,
Was sich in dieselbe taucht.

...

III.
Sitzt man mit geschloßnen Augen
Einsam in dem dunkeln Zimmer,
Blitzt oft durch die zarten Lider
Plötzlich roter Kerzenschimmer;
Weiß ich doch, daß Sonnenstrahlen
Durch die Augendeckel dringen
Und in flimmernden Gebilden
Sich um unsre Seele...

II.
Durch's Frührot zog das Wolkenschiff
vor einem hellen Frühlingstag,
Als ich, ein träumend Schülerkind,
im morgenstillen Felde lag;
Ein Falter streifte meine Stirn,
und vor mir eine Lilie stand;
Ich aber schaute drüber hin
in's tiefe, blaue...