Vi.

German

VI.
Wohl ist die Lilie wunderbar,
Wenn stolz sie sich im Garten wiegt,
In ihrem Kelche, sonnenklar,
Langsam der Morgentau versiegt;
Doch mag ich gehn und wandern,
So weit nur Lilien stehn,
Ist keine vor der andern
Mit höherm Schmuck versehn.

Von Glanz und Lust und Klarheit voll
Ist alle diese reiche Welt,
Weiß nicht, wo ich mich wenden soll,
Daß Schönheit nicht sich vor mich stellt:
Nur du, nur du alleine
In all' der Zier und Pracht,
Gleichst noch dem Mondenscheine
In heitrer Sternennacht.

O lieblichste Vollkommenheit,
Die Niemand, als mein Herz, erkennt,
Wer hat dies stille Licht geweiht,
Das nur für mich im Weltall brennt?
Ich fühl' es stärker immer,
Daß dieser reine Strahl,
Daß dieser eigne Schimmer
Nicht ist zum zweiten Mal.

Das ist nicht Zufall, nicht Natur,
Was aus den blauen Augen strahlt:
Das ist der Gottheit Sonnenspur,
Die sich in dieser Seele malt.
Ich ahn' es licht und lichter,
Mein Herz, nun gib es zu:
Hier ist ein andrer Dichter
Und mächtiger als du. (S. 72-73)

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VI.

Year Written: 
1806
Year Rounded: 
1 800
Poem StrLen Difference: 
0

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VI.
Wohl ist die Lilie wunderbar,
Wenn stolz sie sich im Garten wiegt,
In ihrem Kelche, sonnenklar,
Langsam der Morgentau versiegt;
Doch mag ich gehn und wandern,
So weit nur Lilien stehn,
Ist keine vor der andern
Mit höherm Schmuck versehn.

...

V.
Viele Wochen sind entflohn,
Seit ich Dich gesehen;
Hab' auch lange Tage schon
Keine Blum' gesehen!

Keine Blumen und kein Lieb -
Ach was soll das werden?
Was soll aus dem Frühlingstrieb
In mir innen werden?

Zwar noch stets der Lenz...

IV.
Nun in dieser Frühlingszeit
Ist mein Herz ein klarer See,
Drin versank das schwere Leid,
Draus verdampft das leichtre Weh.

Spiegelnd mein Gemüte ruht,
Von der Sonne überhaucht,
Und mit Lieb' umgießt die Flut,
Was sich in dieselbe taucht.

...

III.
Sitzt man mit geschloßnen Augen
Einsam in dem dunkeln Zimmer,
Blitzt oft durch die zarten Lider
Plötzlich roter Kerzenschimmer;
Weiß ich doch, daß Sonnenstrahlen
Durch die Augendeckel dringen
Und in flimmernden Gebilden
Sich um unsre Seele...

II.
Durch's Frührot zog das Wolkenschiff
vor einem hellen Frühlingstag,
Als ich, ein träumend Schülerkind,
im morgenstillen Felde lag;
Ein Falter streifte meine Stirn,
und vor mir eine Lilie stand;
Ich aber schaute drüber hin
in's tiefe, blaue...