Xv.

German

XV.
Wie ein Fischlein in dem Netz
Hat der Dom mich eingefangen,
Und da bin ich festgebannt -
Warum bin ich hingegangen?
Ach, wie unter Kürbisblüten
Morgenfeucht ein Röslein blitzt:
Zwischen breiten Bürgersfrauen
Dort mein feines Liebchen sitzt!

Die Gemeinde schläft und schnarcht,
Wie das Laub im Walde rauschet,
Und der Bettler an der Tür
Wie ein Räuber auf sie lauschet.
Doch ein freundlich Wiesenbächlein
Murmelnd durch's Gebüsche flieht:
So die lange, dünne Predigt
Schlängelnd um die Pfeiler zieht.

Eichenbäume, alt und schlank,
All' die gotischen Pfeiler ragen,
Hoch ein zierlich Blätterdach
Ihre breiten Äste tragen;
Drunter durch spielt hin und wieder
In den Dämmer der Sonnenschein: -
Wachend sind in dieser Stille
Nur mein Lieb und ich allein.

Zwischen uns spinnt sich ein Netz
Buntgefärbter Sonnenstrahlen,
Die den Taufstein mitten drin
Feenhaft ganz übermalen;
Rosenketten, Liebesgötter
Flattern um den alten Knauf:
Darob wacht in unsren Herzen
Eine heiße Sehnsucht auf.

Weit hinaus, in's Morgenland
Komm', mein Schatz, und laß uns fliehen!
Wo die Palmen schwanken am Meer,
Rosen hoch wie Feuer glühen,
Flutend um die große Sonne
Grundlos tief die Himmel blaun:
Angesichts der freien Wogen
Frei und ewig uns zu traun. (S. 84-85)

HTML Title: 

XV.

Year Written: 
1806
Year Rounded: 
1 800
Poem StrLen Difference: 
0

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VI.
Wohl ist die Lilie wunderbar,
Wenn stolz sie sich im Garten wiegt,
In ihrem Kelche, sonnenklar,
Langsam der Morgentau versiegt;
Doch mag ich gehn und wandern,
So weit nur Lilien stehn,
Ist keine vor der andern
Mit höherm Schmuck versehn.

...

V.
Viele Wochen sind entflohn,
Seit ich Dich gesehen;
Hab' auch lange Tage schon
Keine Blum' gesehen!

Keine Blumen und kein Lieb -
Ach was soll das werden?
Was soll aus dem Frühlingstrieb
In mir innen werden?

Zwar noch stets der Lenz...

IV.
Nun in dieser Frühlingszeit
Ist mein Herz ein klarer See,
Drin versank das schwere Leid,
Draus verdampft das leichtre Weh.

Spiegelnd mein Gemüte ruht,
Von der Sonne überhaucht,
Und mit Lieb' umgießt die Flut,
Was sich in dieselbe taucht.

...

III.
Sitzt man mit geschloßnen Augen
Einsam in dem dunkeln Zimmer,
Blitzt oft durch die zarten Lider
Plötzlich roter Kerzenschimmer;
Weiß ich doch, daß Sonnenstrahlen
Durch die Augendeckel dringen
Und in flimmernden Gebilden
Sich um unsre Seele...

II.
Durch's Frührot zog das Wolkenschiff
vor einem hellen Frühlingstag,
Als ich, ein träumend Schülerkind,
im morgenstillen Felde lag;
Ein Falter streifte meine Stirn,
und vor mir eine Lilie stand;
Ich aber schaute drüber hin
in's tiefe, blaue...