Wandlung

by Julius Rodenberg (1831–1914) · 1862 German

Eh' ich Dich sah, da war mein Herz voll Ruh',
Still wie die Erde, wenn der Frühling naht:
Noch deckt das kühle Weiß die Felder zu,
Doch drunter sprießt schon warm der Zukunft Saat.

Seit ich Dich sah, rankt duft'ger Blumenflor
Um all' mein Wollen, wie ein Frühlingskranz;
Mit seinen Liedern füllt der Vögel Chor,
Die Sonne füllt mein Herz mit ihrem Glanz.

Eh' ich Dich sah, da floß mein Leben hin
Wie Bäche fließen unter Lauben dicht;
Der Jugendhimmel spiegelte darin, -
Mein war der Himmel, und ich wußt' es nicht.

Nun aber rauscht es voll durch meine Brust
Wie Frühlingsschauer, wie Gewitterwind;
Erfahren hab' ich wol die höchste Lust,
Doch ach! ich weiß nun auch was Schmerzen sind.

Ich gieng in Nacht; Du brachtest mir den Tag.
Ich war ein Kind und ward durch Dich zum Mann.
Du zeigtest, was ein Frauenherz vermag,
Nun sollst Du seh'n, was Kraft des Mannes kann! (S. 56-57)
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