Vielleicht ...
Heut sah ich auf der Strasse einen Herrn,
Er sah mich mutig an, - jedoch vergebens.
Er hatte meinen Typ wahrscheinlich gern,
Vielleicht war er die Chance meines Lebens?
Vielleicht war er der beste Mann der Welt?
Ich ging vorbei, um's nachher zu bereuen, -
Ich war so garnicht auf ihn eingestellt,
Man steht manchmal so ängstlich vor dem Neuen.
Vielleicht war er der Mann, der mir gefehlt,
Vielleicht ... hab' ich nicht viel an ihm verloren.
Der Zeitpunkt jedenfalls war schlecht gewählt:
Es gibt Momente, welche fehlgeboren ...
Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner) (S. 22)
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Er sah mich mutig an, - jedoch vergebens.
Er hatte meinen Typ wahrscheinlich gern,
Vielleicht war er die Chance meines Lebens?
Vielleicht war er der beste Mann der Welt?
Ich ging vorbei, um's nachher zu bereuen, -
Ich war so garnicht auf ihn eingestellt,
Man steht manchmal so ängstlich vor dem Neuen.
Vielleicht war er der Mann, der mir gefehlt,
Vielleicht ... hab' ich nicht viel an ihm verloren.
Der Zeitpunkt jedenfalls war schlecht gewählt:
Es gibt Momente, welche fehlgeboren ...
Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs
Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann
New York City 1944
Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner) (S. 22)
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Über dieses Gedicht
Lessie Sachs (1897–1942) war eine jüdische Lyrikerin aus Breslau, die 1937 in die USA emigrierte und 1942 in New York starb. „Vielleicht …“ erschien postum 1944 in ihren Tag- und Nachtgedichten, die Heinrich Mann auswählte und einleitete.
Das Gedicht beschreibt eine flüchtige Begegnung auf der Straße: Ein Mann sieht die Sprecherin an, sie geht vorbei – und spielt danach alle Möglichkeiten durch. Das wiederholte „Vielleicht“ trägt die Spannung zwischen Sehnsucht und Selbstironie. Die Schlusszeile „Es gibt Momente, welche fehlgeboren …“ fasst das Thema der verpassten Chance in ein einziges, bitteres Bild.