VI.

by Cathinka Serafina Bergmayr

VI.

Schuldlose Täuschung

"Kann dies Lächeln, das bezaubernd
Über deine Züge schwebet,
Kann die Anmuth, die der Glieder
Zartes Ebenmaß belebet," -

"Kann der Augen ruhevolle
Tiefe, kann ihr mildes Leuchten,
Können scherzbegabte Launen,
Die oft fremden Schmerz verscheuchten" -

"Kann der Frohsinn, der durch tausend
Reize unsre Seelen zwinget,
Daß sie Lust für Trauer tauschen,
Dem Unmögliches gelinget!" -

"Kann dein traulich holdes Plaudern,
Das mich Alles lehrt vergessen,
Mich, mich selbst - und was gewesen
Eh' ich fromm bei dir gesessen" -

"Kann dies Alles, was du spendest,
Täuschung sein -? Du kannst empfinden -
Leiden kannst du - und verstummen?
Leiden - und uns Lust verkünden?"

Rosenblätter pflückt die Liebe,
Streuet sie auf Grabesstätten;
Ohne Ahnung, was sie decken,
Mag dein Fuß sie dann betreten.

Schmerzen, welche nicht zu heilen -
Leiden, die nur mir verständlich -
Gleichen wohl den Grabesstätten:
Besser ist's, sie sind unkenntlich!
(S. 167-168)

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