Unversöhnlich

by Erich Mühsam

[84] UNVERSÖHNLICH      September 1919 Erwach und wisse: Revolution! Denk an den Tag der Erhebung. Da findest du deiner Sehnsucht Lohn und deiner Sünden Vergebung.

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Bevor du den ersten Imbiß nimmst,

vergiß nicht den Schwur zu erneuen: So lang du es nicht auf Empörung stimmst, soll dich dein Tagwerk nicht freuen. Die Arbeit segne mit deinem Zorn,

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die Mahlzeit mit deinem Hassen.

Den Kuß des Weibes empfange als Sporn, die Stunde nicht zu verpassen. In deiner Kinder Unschuldsblick lies die drohende Prophezeihung:

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Du bist verstoßen vom Paradies,

erkämpfst du nicht uns die Befreiung! Dem Nächsten sage nicht: Gott zum Gruß! Doch frage ihn: Bist du entschlossen? Verwehr deiner Schwelle des Feindes Fuß,

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die Hand gib nur dem Genossen.

Reveille sei deiner Stimme Ton, und Aufruhr sei deine Rede. Als Diener lebe der Revolution, nicht rastend in Kampf und Fehde.

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[85] Und was du tust, nie tu dir genug

im Hassen, im Streiten, im Werben. Sei Kämpfer mit jedem Atemzug – bereit zum Leben und Sterben!

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