Sehnsucht

by Theresa Gröhe (Ps. T. Resa) (1853–1929) · 1900 German

Sehnsucht - breite die Flügel aus,
Trag' mich hinüber nach seinem Haus!

Trankst ja mein Herzblut so manche Nacht,
Wuchsest empor in blühender Pracht.

Raunst und flüsterst nun Nacht und Tag,
Jagst mir des Herzens fiebernden Schlag -

Weckst mir des Jammers stürzende Flut,
Gießt mir Flammen ins stockende Blut. -

Sehnsucht - trag' mich durch dämmernde Nacht
Bis an sein Haus mit Sturmesmacht!

Daß ich ihn einmal - einmal noch seh'
Eh' ich - Vampyr - an dir vergeh'!

Daß er mich einmal noch küssend umfaßt,
Ehe du ganz mich getötet hast. (S. 38)
_____

More poems by Theresa Gröhe (Ps. T. Resa)

  • Ahnung

    Das ist ein Blühen und Sprießen: Maisonne und Maienwind!
    Aufleuchtend durch die Wiesen des Stromes Silber rinnt,
    Aufjauchzend zum Himmel, dem blauen, klingt rings der Vögel Lied, …
  • Allerseelen

    Vom Himmel erster, zarter Flocken Fall,
    Und dennoch Blüten, Blüten überall,
    Als wär' erwacht der Frühling, licht und warm; …
  • Bald!

    Im Sterbepurpur steht der Strauch,
    Still atmen die Wellen im Hafen.
    Mein zitterndes Herz, nun rüste dich auch …
  • Bei dir

    "Ich habe dich gar zu, gar zu lieb!"
    Du flüsterst es leise mit lächelndem Mund.
    Gieb deine Lippen! Deine Seele gieb …

All poems by Theresa Gröhe (Ps. T. Resa) →