Schnee

by Joachim Ringelnatz

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Schnee

Zwischen den Bahngeleisen Vertränt sich morgenroter Schnee. – – Artisten müssen reisen Ins Gebirge und an die See,

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Nach Leipzig – und immer wieder fort, fort.

Nicht aus Vergnügen und nicht zum Sport. Manchmal tut`s weh. Der ich zu Hause bei meiner Frau So gern noch wochenlang bliebe;

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Mir schreibt eine schöne Dame:

„Komm zu uns nach Oberammergau. Bei uns ist Christus und Liebe, Und unser Schnee leuchtet himmelblau.“ – Aber Plakate und Zeitungsreklame

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Befehlen mich leider nicht dort-,

Sondern anderwohin. Fort, fort. Der Schnee ist schwarz und traurig In der Stadt. Wer da keine Unterkunft hat,

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den bedaure ich.

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Der Schnee ist weiß, wo nicht Menschen sind.

Der Schnee ist weiß für jedes Kind. Und im Frühling, wenn die Schneeglöckchen blühn, Wird der Schnee wieder grün.

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Beschnuppert im grauen Schnee ein Wauwau

Das Gelbe, Reißt eine strenge Leine ihn fort. – Mit mir im Oberhimmelblau Wär’s ungefähr dasselbe.

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