Wenn die letzte Nacht sich weitet,
kommt ein Engel auf die Erde,
weiße Flügel ausgebreitet,
paradiesische Gebärde.
Stummes Winken. Und die Sterne
tanzen um uns ihren Reigen,
wie wir in die Sehnsuchtsferne
hoch und höher aufwärts steigen.
Und auf eines namenlosen
Sternes sanftem Uferhügel,
und inmitten weißer Rosen,
schließt er seine weißeren Flügel.
Und er führt mich in den Garten,
wo die reinen Seelen gehen,
und auf ihren Bruder warten,
in die Augen ihm zu sehen.
Paarweis wandeln sie im Hellen,
Hand in Hand, an stillen Flüssen,
wo sich auf den weißen Wellen
stille weiße Schwäne küssen.
Wandeln unter weißen Bäumen,
zwischen weißen Blumengängen,
dran, wie in verzückten Träumen,
weiße Schmetterlinge hängen.
Nur mit Blicken, nicht mit Worten,
reden diese seligen Scharen,
öffnen sie die Herzenspforten
Heimlichstes zu offenbaren.
Reden nur mit einem weichen
leisen Spiel der weißen, schlanken
Hände, stumme keusche Zeichen
unaussprechlicher Gedanken.
Wandle, spricht der stille, reine
Blick des Engels, mit den andern.
Eine Seele geht alleine,
und zu zweien sollt ihr wandern.
Und schon kommt sie zwischen lichten
Lilien traumhaft hergegangen,
um mit einem stummen, schlichten
Gruß nach meiner Hand zu langen.
Kein Erstaunen, kein Erfragen,
nur ein seliges Sichfinden
zweier, die seit Anfangstagen
unlösbare Fäden binden.
Und so wandeln wir zusammen
Hand in Hand im hohen Reigen
wie zwei reine weiße Flammen,
die sich ineinander zweigen.
aus: Gesammelte Dichtungen von Gustav Falke
Dritter Band: Der Frühlingsreiter
Hamburg und Berlin Alfred Janssen 1912