Neujahrspredigt

by Otto Julius Bierbaum

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NEUJAHRSPREDIGT

Laßt uns, Freunde, ins neue Jahr Eingehn wie in ein schönes, gesichertes Haus, In dem die Liebe und der Friede wohnt Und Schönheit überall heimisch ist.

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Und laßt uns, Freunde, heiter gelassenen Sinns,

Mit keinem Haß belastet, ohne Neid, Heil, liebe Freunde, im starken Herzen, laßt uns In dieses neue Haus einziehn, und lachend. Wir sind wohl keiner wundenlos, unversehrt,

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Und jeder spürte, daß Niederträchtigkeit

Sehnenkräftige Bogen und giftige Pfeile hat, Und daß der Dummheit Kartaunen nicht bloß brüllen, Sondern auch vieles zerstören können, das Mit Mühe und Kunst errichtet ward, – und, ach,

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Des Schlimmsten wurden wir uns wohl auch bewußt,

Daß Schwachheit unser Teil ist und irgendwo Jeder, wie fest er gefügt sich dünke, Locker und undicht ist im Baue.

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Das aber, Freunde, fechte uns nicht an!
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Wir wollen tapfer sein und, gilts Gefecht,

Mit Lachen in den Feind gehn, da wir ja Als Edle kämpfen und dem Troß voran Als Wissende: Es ist die Kraft in uns, Allein zu stehn, gemeiner Art entrückt.

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Wenn aber Dumpfheit alles niederschlägt

Und Kampf nicht lohnt und Widerwillen uns Erfassen will, so wollen wir, Freunde, nicht Mit Trübsal abziehn, sondern heiter Das Schwert der Scheide schenken und mit Gesang

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Den Schritt wegwenden in die Einsamkeit.

Dies, liebe Freunde, ist nach meinem Sinn, Vielleicht das Beste, das das Jahr bescheren mag: Verborgenheit und Ruhe in uns selbst. Wohl dem, der dies erfährt, doch selig der

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(Wie selig, weiß ich, der es nun erfuhr)

Der nicht allein in dieses schöne Haus Gelassener Beschaulichkeit zu gehen braucht. In Einsamkeit vereint, das ist mein Spruch, Und dies mein Wunsch, daß jeder, der es wert,

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Voll aus, bis auf den Grund ausfühlen möge, welch ein Glück

Dies Wort umschließt: In Einsamkeit vereint.

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