Liebchens Ferne

by Johann Garbriel Seidl

Wohl weilst du in der Ferne,
Doch nimmer fern für mich,
Kein Heil'ger denkt so gerne
An Gott, als ich an dich.

Vom Monde sag' ich nimmer:
Er walte sanft und mild;
Ich sage nur: sein Schimmer
Sei deiner Seele Bild.

Nie sag' ich mehr: die Frühe
Gleich' einem Feuerfluß;
Ich sage nur: sie glühe,
Wie du beim Scheidekuß.

Für Alles, was ich kenne,
Leihst du die Seele mir;
Für Alles, was ich nenne,
Nehm' ich das Wort von dir.

So nenn, ich denn, — ich Schwärmer!
Nur Liebchen-rein den Quell,
Und fühl' die Sonne warmer,
Nenn ich sie Liebchen-hell.

Das Alles thut die Trennung
Und das Geschiedenseyn;
Da stellt sich die Bekennung
Erst ohne Rückhalt' ein.

Sonst dacht' ich dein nur immer,
Wenn ich dich eben sah:
Dich sehn kann ich nun nimmer,
Und bin dir ewig nah.

Aus: Johann Gabriel Seidl's Dichtungen Erster Theil
Balladen, Romanzen, Sagen und Lieder
Wien Druck und Verlag von J. P. Sollinger 1826 (S. 141-142)

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