Kußtempelchen

by Karl Henckell (1864–1929) · 1921 German

Der kleine Tempel wölbte rund
Sich zwischen Lindenästen,
Drin wir zu heller Mondesstund
Uns an die Lippen preßten.
Dein Äuglein flimmerte voll Licht,
Süß schimmerte dein Angesicht,
Indes mit Flammenküssen
Wir haben spielen müssen.

Der feine Busen wölbte rund
Sich zwischen Liebeshänden,
Als unsre Lippen sehnsuchtwund
Sich übten im Verschwenden.
Drei Monde darbten wir voll Not
Nach unsrer Liebe Zuckerbrot,
Indes wir traurig pickten,
Was wir uns brieflich schickten.

Nun lagen wir zuzweit allein
Und kannten kein Versagen,
Wir zechten unsern Feuerwein
Mit wonnigem Behagen.
Der Mond zog Wolkentücher vor,
Die Linden warf der Wind empor,
Indes in leisem Bogen
Zwei Fledermäuse flogen. (S. 92)

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