Ich weiß

by Karl Ferdinand von Fircks (1828–1871) · 1864 German

Ich weiß es, deine frommen Augen lügen,
Und was so stolz von deiner Stirne thront,
Als Lüge wandelt es in deinen Zügen,
In deinem Herzen hat es nie gewohnt.

Ich weiß, ich weiß, dein Lächeln kindeshelle
Ist nur ein Lichtstrahl, der auf dir erfror,
Und deiner Locken spielgehob'ne Welle
Verbirgt ein heimlich sündenhorchend Ohr,

Und ob die Scham dir weilet auf der Wange,
In seiner keuschen Hülle ungesehn
Regt sich dein Leib wie eine weiße Schlange,
Und du bist schlecht, ich weiß, doch du bist schön!

Ich will den gold'nen Schleier nimmer heben,
Der deiner Seele schwarze Nacht verdeckt,
Und den das Licht erröthend dir gegeben,
Damit dein nacktes Herz sich d'rin versteckt.

Ich will in deinen Zügen gläubig lesen
Der Schönheit ew'ges, himmlisches Gedicht
Und will versuchen d'rüber zu vergessen,
Daß Gott dir mehr gab als ein Angesicht.

Aus: Poetischer Nachlaß
von Freiherrn Karl von Fircks
Leipzig Franz Wagner 1871 (S. 152-153)

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