Ghasel

by Moritz Graf von Strachwitz (1822–1847) · 1887 German

Was frommt, wenn du nicht küssen willst,
der Reiz der Schäferstunde dir?

Was, wenn du nimmer sie verstehst,
der Minne süße Kunde dir?

Was frommt, wenn du nicht kühn und keck
ihn brauchst zum Schwerthieb in der Schlacht,

Was frommt im feigen Wollustschlaf
der Arm denn, der gesunde, dir?

Was eilt, wenn du nicht nippen willst,
des Weines goldne Zauberpracht,

Was eilt des Bechers goldner Rand
zu dem Philistermunde dir?

Wenn nicht der Liebe Lebenshauch
im tiefsten Busen ist erwacht,

Was frommt, o Dirnlein, minniglich,
der Busen denn, der runde, dir?

Was dudelst du ein Liedlein her,
von lauen Seufzern angefacht,

Wenn wahre Lied- und Liebeslust
nicht stehn im reinen Bunde dir? -

Blick' in der heiligen Natur
schwarzdunkeln wahren Zauberschacht,

Dann senkt sich gern der Muse Wort
zum tiefsten Herzensgrunde dir,

Und was das Auge dir umspielt,
das halte fest mit kühner Macht,

Was in dir schläft, das blitz' empor
aus Herz und Faust und Munde dir.

Dem Feigling blüht die Rose nicht
durch seines Busens Nebelnacht,

Doch kühn schlürfst du des Glückes Trank
aus seines Fasses Spunde dir. (S. 150-151)
_____


More poems by Moritz Graf von Strachwitz

  • Adel der Frauen

    Es soll der Mann zur Sonne greifen,
    Zu seiner Ehre Wunderland,
    Zum tiefsten Schacht der Erde streifen …
  • An die Frauen

    Nicht in der Freude Glanzverklärung,
    Im wonnevollen Blütensaum,
    Im Zauberlächeln der Gewährung, …
  • Aus Liebesleid

    1.
    Die innre Glut macht zeitig alt,
    Meine Stirne wird schon faltig; …
  • Befürchtungen

    Die Nacht ist still, wir sind allein,
    Und du bist schön, wie je!
    Warum küßt nicht die Lippe mein …

All poems by Moritz Graf von Strachwitz →