Gedankenvoll

by Wilhelm Busch (1832–1908) · 1890 German

Ich weiß ein stilles Fensterlein,
Liegt heimlich und versteckt,
Das hat mit Laub der grüne Wein
Und Ranken überdeckt.

Im Laube spielt der Sommerwind,
Die Rebe schwankt und nickt,
Dahinter sitzt ein hübsches Kind
Gedankenvoll und stickt.

Im jugendklaren Angesicht
Blüht wundersüß der Mund
Als wie ein Rosenknösplein licht
Früh in der Morgenstund.

Im Netzgeflecht das blonde Haar
Umfaßt ein braunes Band,
Das liebe blaue Augenpaar
Blickt sinnend auf die Hand.

Und 's Köpfchen scheint so still zu sein.
Ist doch ein Taubenschlag.
Gedanken fliegen aus und ein
Den lieben langen Tag.

Sie fliegen über Wald und Flur
Ins weite Land hinaus.
Ach, käm ein einzig Täubchen nur
Und flöge in mein Haus.
(S. 2616-2617)
_____

More poems by Wilhelm Busch

  • Die Freunde

    Zwei Knaben, Fritz und Ferdinand,
    Die gingen immer Hand in Hand,
    Und selbst in einer Herzensfrage …
  • Die Liebe war nicht geringe.

    Die Liebe war nicht geringe.
    Sie wurden ordentlich blaß;
    Sie sagten sich tausend Dinge …
  • Lass ihn

    Er ist verliebt, laß ihn gewähren,
    Bekümmre dich um dein Pläsier,
    Und kommst du gar, ihn zu bekehren, …
  • O du, die mir die Liebste war

    O du, die mir die Liebste war,
    Du schläfst nun schon so manches Jahr.
    So manches Jahr, da ich allein, …

All poems by Wilhelm Busch →