Es graut der Morgen, die Hähne schrein

by Emil Prinz Schönaich-Carolath (1852–1908) · 1878 German

Ein wilder Traum treibt mich empor,
Was ward aus dir, wo magst du sein,
Du fernes Lieb, das ich verlor?

Ich sah dich tanzen in Festgewirr,
Es schluchzten die Geigen süß und toll,
Doch deine Blicke strahlten irr,
Entsetzensvoll, entsetzensvoll.

Wohl krönte Rubinschmuck dein weiches Haar
Mit zuckendem, gleißendem Edelrot,
Ein Lachen auf deinen Lippen war,
Doch dir im Herzen saß der Tod.

Du mußtest tanzen, du rastest fort,
In fremden Arm gepreßt, verglüht,
Der Hochzeitsstrauß hing schwül, verdorrt,
Von deinen Tränen übersprüht.

Da brach ein Windstoß jäh herein,
Mein Zimmer starrt verödet, weit;
Es graut der Morgen, die Hähne schrein,
Ich hab' dich verloren in Ewigkeit.

Aus: Gesammelte Werke
von Prinz Emil von Schoenaich-Carolath
3. Band Gedichte
Leipzig G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung 1907 (S. 18)

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