Erster Frühlingstag

by Stefan George (1868–1933) · 1918 German

Schon hab ich seine nähe gefühlt
Schon seinen zauber empfunden
Doch das war im süden drunten
Wo die sinne nichts andres ahnen
Als wärme schönheit und licht.

Es schwand der duftige traum ..
Ich ward in den norden entrückt
Wo grade der kampf begann
Des jugendlich schönen gottes
Mit dem alten finsteren mann.

Der sieg scheint entschieden zu sein.
Heut bricht zum erstenmal
Des frühlings gewalt auf mich ein
Unter dem grünenden dache
Im weiten sonnigen park.

Heut ist mein erster lenzestag.
Gierig trinkt seine wonnen ein herz
Das starker regungen bar
Zu kleinen lieben sich zwingt
Und nach einer grossen vergebens ringt. (S. 64)
_____

More poems by Stefan George

  • Fenster wo ich einst mit dir

    Fenster wo ich einst mit dir
    Abends in die landschaft sah
    Sind nun hell mit fremdem licht. …
  • Als wir hinter dem beblümten tore

    Als wir hinter dem beblümten tore
    Endlich nur das eigne hauchen spürten
    Warden uns erdachte seligkeiten? …
  • Aus den knospen quellen sachte

    Aus den knospen quellen sachte
    Tropfen voll und klar
    Da das licht auf ihnen lachte. …
  • Das Bild

    Nachdem ich auf steinernen gräbern · an frostigen pfeilern ·
    Gesungen · gewandelt bei würdiger väter zunft:
    Erspäht ich zur vesper hinter den rauchenden meilern …

All poems by Stefan George →