Erste Liebe

by Gustav Schwab (1792–1850) · 1882 German

1814

Wo bist du, Zeit der Plage,
Der ungestillten Lust?
Ruhst du, o Glut und Klage?
Wirst du so mild, Verlust?

Die Sonne schon im Sinken
Verkläret ihren Schein,
Die Bäum und Büsche winken,
Die Quellen flüstern drein.

Und schon erwachst du wieder,
Du erstes Liebsgefühl,
Ihr reinen Jugendlieder,
Du frommes Bilderspiel!

O Hoffnung, nicht Verlangen!
O Sehnsucht, nicht Begier!
Ein Beten und ein Bangen
Scheu vor der Himmelsthür.

Ein Ja aus allen Trieben,
Und wieder keusches Nein;
Das ist das erste Lieben,
Das erste muß es sein.

Das ist die Lieb auf Erden
In halber Kinderzeit;
Erfüllet wird sie werden
In jener Herrlichkeit.

Verlieren und Entsagen,
Das macht auf Erden reich:
Das Finden und Erjagen
Ist für das Himmelreich.
(S. 73-74)
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