Die Litfaßsäulen

by Joachim Ringelnatz

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Die Litfaßsäulen

Es stehen die Litfaßsäulen Verstreut, den Leuchttürmen gleich, Und lassen vom Wind sich umheulen Und werden im Regen ganz weich.

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Und rufen und locken und preisen

Aus buntem und grellem Papier Und drohen und stechen und beißen Und lügen noch schlimmer als wir. Früh lehnt ein Mann eine Leiter

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An das, was Litfaß erfand.

Er reißt ihr vandalisch doch heiter In Fetzen das bunte Gewand. Nachdem er sie darauf bekleistert – Als brächte ihn Nacktes in Zorn –

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Klebt er ihr wieder begeistert

Viel Buntes auf Hinten und Vorn. Theater ... – Auktion ... – Zigaretten ... – Wohltätigkeits... – Raubmord ... – Und Sport Proteste ... – Amtliche ... – Betten ... –

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Kurz alles in Bild oder Wort.

Ich lese das ernst ohne Pause. Mich interessiert so was sehr. Und meiner Frau sag’ zu Hause Ich alles dann auswendig her.

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Ihr Sinn für Romane, Gedichte

Und Zeitungen ist nicht so groß. Sie hört meine Litfaßberichte, Und abends ziehn wir dann los. Und wie, wie in Sturm und Wellen,

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Die Litfaßsäulen starr stehn,

So sollen am Aktuellen Auch wir nicht etwa achtlos vorübergehn.

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