Die geraubten Waffen

by August Kopisch

Denkt euch, neulich fand ich Amorn
Ganz unschuldig und ganz harmlos
Unter Blumen fest entschlummert,
Wie ein Käferchen die Flügel
An den Rücken dicht geschlossen.
Und ich schlich hinan und raubte
Ihm den Bogen und den Köcher
Mit den unheilvollen Pfeilen.
Als ich sie nun hielt, die Waffen,
Rief frohlockend ich die Worte:
"Auf, o Knabe, komm, verwunde,
Nun die Waffen dir geraubt sind!"
Aber als er wieder erwachte
Und mich streichelnd bat und küßte,
Um mein Knie die Arme schlingend,
Gab ich ihm den goldnen Bogen
Und die Menge aller Pfeile
Einen nach dem andern wieder.
Als er sie nun alle hatte,
Wählt' er sich den allerschwersten,
Schoß mich so, daß mir die Thränen
Aus den Augen niederrollen.
(Band 1 S. 366)
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