Die geraubten Waffen

by August Kopisch (1799–1853) · 1856 German

Denkt euch, neulich fand ich Amorn
Ganz unschuldig und ganz harmlos
Unter Blumen fest entschlummert,
Wie ein Käferchen die Flügel
An den Rücken dicht geschlossen.
Und ich schlich hinan und raubte
Ihm den Bogen und den Köcher
Mit den unheilvollen Pfeilen.
Als ich sie nun hielt, die Waffen,
Rief frohlockend ich die Worte:
"Auf, o Knabe, komm, verwunde,
Nun die Waffen dir geraubt sind!"
Aber als er wieder erwachte
Und mich streichelnd bat und küßte,
Um mein Knie die Arme schlingend,
Gab ich ihm den goldnen Bogen
Und die Menge aller Pfeile
Einen nach dem andern wieder.
Als er sie nun alle hatte,
Wählt' er sich den allerschwersten,
Schoß mich so, daß mir die Thränen
Aus den Augen niederrollen.
(Band 1 S. 366)
_____

More poems by August Kopisch

  • Die Heinzelmännchen

    Die Heinzelmännchen.
    Wie war zu Cölln es doch vordem,
    Mit Heinzelmännchen so bequem! …
  • Als ich Mädchen dich in Eos Stralen

    Als ich Mädchen dich in Eos Stralen
    Wandeln sah mit schönen Bacchos Krügen,
    Traf der erste Pfeil mich von Cupido! …
  • Als in Dämmrung eingehüllet

    Als in Dämmrung eingehüllet
    Innig wir umschlungen saßen,
    Liebend Wang' an Wange lehnten, …
  • Amor gefangen

    Bei den Flügelchen hatt' ich Amorn,
    Gleich dem Schmetterling, gefangen,
    Schloß in einen ehr'nen Käfig …

All poems by August Kopisch →