Amor gefangen

by August Kopisch

Bei den Flügelchen hatt' ich Amorn,
Gleich dem Schmetterling, gefangen,
Schloß in einen ehr'nen Käfig
Ihn, der flattert' und sich sträubte!
"Sieh, nun trag' ich dich nach Hause,
Da ich endlich dich erhaschte!
Wie ein Vogel sollst du singen,
Wenn ich ruhe mich ergötzen!" -
Als ich kaum dieß Wort gesprochen,
So entbrannte der ganze Käfig:
Eine helle Flamme schwebte
Amor in die blaue Luft auf!
Lachend rief er hoch herunter,
Schwirrend mit den bunten Flügeln:
"Armer, du willst Amorn halten,
Der durch Erd' und Himmel dringet,
Den der Tartarus nicht festhielt?
Der die Adler in den Lüften
Hascht und bändigt, der auf Erden
Quält die ungezähmten Löwen!
Der in Meerestiefen eintaucht
Und Wallfische drängt zusammen,
Den der Götter keiner bändigt,
Den nur die Chariten halten
Mit den schönen Blumenfesseln!" -
Wieder ab zur Erde schwirrt' er
Und umsummt mich wie die Wespe,
Neckend mit dem schärfsten Pfeile:
"Hasch' mich, hasch' mich, halte fest mich!"
(Band 1 S. 368-369)
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