Wir gingen durch den Frühlingshain
In wonnevollem Schweigen;
Thautropfen hingen, demantrein,
An Blumen und an Zweigen.
Der Flieder strömte Balsamhauch
In leichtbewegte Lüfte,
Es wogt' und wankte Baum und Strauch
Voll Blüthen und voll Düfte.
Wir standen an des Hügels Rand,
Versenkt in sel'ges Schauen,
Tief unten floß des Stromes Band
Durch morgenhelle Auen.
Dein Auge flog dem Himmel zu,
Und dann zu mir hinüber,
Und niemand war als ich und Du
Und Gottes Aug' darüber.
Da flötete die Nachtigall
Aus schattigen Gehegen,
Sie flötete mit süßem Schall
Den ersten Frühlingssegen.
Wir sah'n uns an, den feuchten Strahl
Der Wonne in den Blicken,
Wir sah'n uns an wohl hundertmal
Mit kindlichem Entzücken.
Gott war in uns, und wir in ihm,
Das stand im Aug' geschrieben,
Als Kinder standen wir vor ihm,
In schuldlos, reinem Lieben.
O süßes, hehres Morgenlicht,
O Stunde sel'ger Freuden,
Wir sahen Gottes Angesicht,
Und können ruhig scheiden!
aus: Gedichte von Agnes Franz
Zweite Sammlung Essen 1837