Des Heilands Verklärung
Mit heiterm Blick, mit ruhig festem Schritte Verfolgt der Heiland seines Lebens Bahn, Und als sich ihm mit schreckensvollem Tritte Bereits der Tod und seine Quaalen nahn,
Und stille Trau’r kommt seinem Herzen an. Es fühlt der Gott der Menschheit süße Leiden Da er nun soll von den Geliebten scheiden. Sie stehn um ihn vor banger Furcht beklommen,
Bald, spricht er liebend, werd’ ich euch entnommen, Bald wall’ ich wieder heim ins Vaterland. Zu leiden nur bin ich herab gekommen, Zu sterben hat mein Vater mich gesandt.
In seiner heil’gen Streng’ an mir erfülle. [36] Bald muß ich hin nach Zions Mauern wallen, Und bittres Leiden harret meiner dort, Dort werd’ ich in der Feinde Stricke fallen,
Denn zu den Martern, zu den Greueln allen Reißt gegen mich ruchlose Wuth sie fort, Und schmähend wird ihr Mund noch überfließen, Wenn sie mich sehn mein Blut am Kreuz vergießen.
Werd’ ich nach dreyen Tagen auferstehn, Neu wird mein Leib von jedem Schmerz gesunden, Und froh werd’ ich in eurer Mitte stehn. Doch wird der Nägel Spur nicht seyn verschwunden,
Denn daran sollt ihr den Erstandnen kennen, Und höher wird die Gluth des Glaubens brennen. Doch Petrus kann nicht mehr den Schmerz besiegen, Unhaltbar bricht der Thränen Flut hervor.
Und flehend blickt er zu dem Herrn empor. „O schone dein, o wolle nicht erliegen! Ist’s dieß, wozu der Vater dich erkor? Nein, ihn kann nicht des Sohnes Tod erfreuen,
Da blickt der Heiland strafend auf ihn nieder, Von höherm Lichte wird sein Blick erhellt. Nie, spricht er, rede solche Worte wieder, Getäuschet von dem eitlen Glanz der Welt.
Daß dir noch nicht, was göttlich ist, gefällt. Die, die noch nach der Erde Lüsten ringen, Sie können nicht in mein Geheimniß dringen. Wer mir will folgen, muß sich selbst vergessen,
Was hülfs dem, der die ganze Welt besessen, Wär nicht das Heil der ew’gen Seele sein, Des Todes Kelch ist denen zugemessen, Die ohne mich sich ihres Lebens freun,
Der wird zu schönerm Leben eingeführet. [38] Des Menschen Sohn kehrt einst nach vielen Tagen Zurück in seines Vaters Herrlichkeit. Ihr sehet ihn aus tausend Engeln ragen,
Dann füllt das Herz des Sünders banges Zagen, Doch des Gerechten Seel’ ist hoch erfreut; Denn streng als Richter wird der Heiland thronen, Und jeglichem nach seinen Werken lohnen.
Als sinkend nach dem Meer die Sonne glitt, Und schon des Thaues Perlen sich ergossen, Wandt’ er nach einem hohen Berg den Schritt. Johannem winkt’ er vor aus den Genossen,
Sie sehn den Herrn zum goldnen Gipfel steigen, Und folgen ihm mit ahndungsvollem Schweigen. Des Abends Ruh lag auf den weiten Auen, Es säuselte der Lüfte kühles Wehn,
Da blieb der Herr in tiefem Sinnen stehn, [39] Noch einmal durch die Fluren hinzuschauen, Noch einmal seinen Pfad zu übersehn. Es war als wend’ am Abend seine Blicke
Ein frohes Lächeln schwebt’ um seine Wangen, Des Herzens Reinheit war des Blickes Licht, Voll Ruhe schien er nichts nicht zu verlangen, Und stets dasselbe blieb sein Angesicht,
Als sey nur Hülfe seines Daseyns Pflicht; Auf seiner Stirn war Gotteskraft geschrieben, Doch schien er als ein Mensch die Welt zu lieben. Und als sie drauf den Gipfel gar erstiegen,
Er betete – Zwar seine Lippen schwiegen, Doch aus dem Antlitz sprach sein Sinn hervor. Die Jünger hiengen an den seel’gen Zügen, Und als zerreisse schnell des Blickes Flor,
Von überirrd’scher Herrlichkeit umstrahlet. Sein Antlitz war der Sonne zu vergleichen, Wenn sie sich aus des Meeres Schooß erhebt. [40] Es schien sein Haupt zum Himmel aufzureichen,
Was sterblich war an ihm, schien zu entweichen, Aus Glanz war wunderbar sein Kleid gewebt. Verwandelt war er, doch die Jünger fanden Voll heil’gen Grauns in ihm noch den Bekannten.
Kaum dem vertrauten, was ihr Blick bezeugt, Da sehn sie Mosen und Eliam kommen, Und sehen sie vor Jesu tief gebeugt, Und als der Herr sie sanft zu sich genommen,
Sehn sie die Drey sich zum Gespräch verbinden, Doch können sie die Rede nicht ergründen. Und Petrus glaubt ein Traumbild nur zu schauen, So wunderbar erscheint ihm dieß Gesicht.
Zu wohnen drinn verschmäht, ihr Hohen, nicht.“ [41] So spricht er zitternd und mit süßem Grauen, Doch weiß der Sinn nicht, was die Lippe spricht. Gleich einem Trunknen will er weiter sprechen,
Die Jünger sehn den Aether sich entzünden, Unendlich wallt herab ein Feuermeer, Es machet, was Gestalt ist, schnell verschwinden, Nur Glanz ist, was sie schauen, rings umher,
Als eine Stimm’ ertönt von oben her: Dieß ist mein lieber Sohn, mein Wohlgefallen, Ihn sollt ihr hören, seine Wege wallen. Da war’s, als hallten tausend Donner wieder,
Die Jünger stürzten auf ihr Antlitz nieder, Da das Entsetzen zuckend sie durchfuhr, Es floh der Sinn, es lößten sich die Glieder, Und ihr Gesicht trug nicht des Lebens Spur,
Als die Erstarrung plötzlich sich verlieret. [42] Sie athmen neu, sie regen sich, sie schlagen Den Blick empor zur sternenhellen Nacht, Sie wissen nicht, wer sie hierher getragen,
Sie kennen sich, sie möchten gern sich fragen, Doch fesselt noch den Ton des Schreckens Macht, Und als sie drauf allein den Heiland sehen, Kommt ihnen wie ein Traum vor, was geschehen.
Und folget mir nun in das Thal hinab; Bald wird sich der Erinn’rung Dunkel lichten, Bald stützt ihr euch auf festern Glaubens Stab. Ich selbst will eurer Zweifel Kämpfe schlichten,
Wenn neu zum Licht aus düstrer Nacht der Todten Des Vaters Ruf mir zu erstehn geboten. Dann werdet ihr mit Klarheit erst erkennen Das Wunder, das noch Dunkel jetzt bedeckt,
Die heute Graun euch Blöden noch erweckt. Das Schreckliche wird von dem Ton sich trennen, Der euer Herz, das zagende, geschreckt. Er wird mit hoher Kraft euch unterstützen,
Er ruft euch einst empor zu meinem Throne, Wenn ihr vollendet eures Lebens Lauf, Er rufet euch, zu eurer Leiden Lohne, Zu theilen meine Herrlichkeit hinauf,
Den ew’gen Lorbeer den Getreuen auf, An meiner Seite sollt ihr ewig leben, Von anderm Schmuck als irdischem umgeben. Jetzt aber bleibe bis zu jenem Morgen,
Was ihr gesehn in eurer Brust verborgen, Kein Laut verrathe, was das Herz verschließt, [44] Denn dann erst, wenn das Dunkel eurer Sorgen Bey meinem Auferstehn in Licht zerfließt,
Was ihr gesehn, nach Würde zu verkünden.