Der Epheu

by Edmund Dorer

Wie eine Rose, taugeschmückt, die Strahlen Des neuen Morgens grüßt, erwachtest du, Melitta; lächelst froh dem Tag entgegen, Halb Kind, halb Jungfrau, blumenselig. Der Frühlingsmorgen lockt dich in den Wald, Bald hält sein kühles Dunkel dich umfangen, Durch das nur flücht'ge Spuren lichten Goldes Auf deinen Pfad der sonn'ge Himmel streut. Und freudig grüßt dich der Gesang der Vögel; Willkommen nicken dir die bunten Blumen, Die aus dem Grün mit klaren Augen schauen. Der Erde holder Frühling grüßt den Frühling, Der dir im Herzen und im Antlitz glänzt. So wandelst du dahin; da trifft dein Blick Den stolzen Eichbaum, der zum Himmel ragt, Indes um seinen Stamm des Epheu Ranken Sich liebend winden, gleich als wollten sie Mit zärtlichen Gekose fest ihn halten. "Wie schön muß so ein Kranz von Epheu lassen," So sprichst du und die schönen Blätterranken, Die glänzendgrünen, brichst du von dem Baum, Und scherzest froh - du hörst die Klage nicht Des Epheus, der mit schmerzlich bangem Flüstern In seiner stillen Waldessprache trauert: "Auf kalter Erde lag ich dumpfen Sinns, Doch mich ergriff im Staub geheime Sehnsucht, Zu suchen ihn, den Baum, den schönen, starken. Ich fand den Hort, ich hielt ihn fest und fester Und schmiegte innig mich an seinen Stamm. Mit aller Kraft wand ich an ihm empor Zu seinem Gipfel mich, der in der Sonne Sich wiegt; so teilt' ich Licht mit ihm und Freude. Sein Leben war das meinige geworden; Mit ihm begrüßt' ich froh des Frühlings Nahen, Der Kraft ihm gab, zu grünen und zu blühen, Und freudig glänzten, seinen Schmuck zu mehren, Die hellen Blätter, die mir reich entsproßten. Und wenn der grimme Winter ihm geraubt Des Sommers grüne Tracht, und seine Zweige Der Schnee umfing, da schmückt' ich stets Den kahlen Baum mit immergrünen Blättern In fester Treue, die kein Unglück bricht. Nun bin ich, ach! von meinem Hort getrennt, Du hast gebrochen mich vom Baum der Liebe, Und wenn ich nun zu flüchtig eitlem Schmuck Die Locken dir, die jugendlichen, ziere, So werd' ich bald verwelken und vergehen - Mit meinem Tode ende bald mein Schmerz! O möge, Maid, dir gleiches nie geschehen! O möge nie des Schicksals kalte Macht, Wie jetzt mich deine Hand, vom Freund dich trennen, Dem sich dein Herz, dein Leben wird verbinden! O fühle nie, was jetzt ich schwer empfunden!" So spricht der Epheu leise; doch Melitta, Die grünen Ranken sich zum Kranze windend, Vernimmt in Lebenslust die Seufzer nicht; Der Dichter nur, er hört die Stillen Klagen, Dem stummen Schmerze will er Worte leihen; Denn wie die Freude soll das Leid verklären Sein Lied; es gleicht dem Tau, der strahlend schmückt Die welken Blätter, wie die farb'ge Blüte. * * * So schrieb ich einst vor langen, langen Jahren. Wie oft hat sich seit jenem Frühlingsmorgen Der Baum im Lenz zu neuer Pracht verjüngt! Wie oft hat wieder das Gewand, das grüne, Der Winter ihm mit eis'gem Hauch geraubt! Wie fest hat neuer Epheu ihn umschlungen Im Lenz zum Schmuck, zum Trost in Wintertagen! Nun lacht ein Frühlingsmorgen wie vor Jahren, Und wieder gehst, Melitta, du im Wald, Und wieder trennest du des Epheus Ranken Vom Stamm der Eiche: aber keinen Kranz Willst für das längstverbleichte Haar du flechten; Nicht scherzend nahst du, nein, in stillem Ernst; Es scheint der Epheu deinen Gram zu ehren Und läßt von deiner Hand sich schweigend brechen. Mit deinem Funde eilst du aus dem Dunkel Der Wälder zu der off'nen Bergeshalde, Wo in dem Morgenstrahl auf dunklen Gräbern Die Kreuze reich im Schmuck des Goldes schimmern. Dort stehst du still und weinst an einem Grabe, Auf dem ein Kreuz auf weißem Marmor ruht. Am Fuß des Denkmals gräbst du ein den Epheu, Indessen deine Thränen ihn betauen; Dann sprichst du seufzend zu den grünen Schossen: "Hier an dem Marmor, unter dessen Stein Mein Liebstes ruht, mein Glück, mein Leben, Sollst wurzeln du, und neue Blätter treiben Und aufwärts mit den grünen Zweigen ranken. Und halte fest das Kreuz, des Trostes Zeichen, So fest wie es mein Herz im Gram umfaßt! So strebe auf zum Licht aus Grabesdunkel, Gleich dem Gedanken, der aus Erdenweh Zum fernen Himmel hoffend sich erhebt!" Aus: Edmund Dorer's Nachgelassene Schriften Herausgegeben von Adolf Friedrich Graf von Schack Erster Band Dichtungen - Übersetzungen Verlag von L. Ehlermann Dresden 1893 (S. 9-12) _____

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